Anita Augspurg am 2. Oktober 1902

"Ist es nicht Wahnsinn, Streitfälle, gleichviel, welche, auf solchem Wege zu regeln? Ist es nicht Wahnsinn, um Länder-, Macht- und Profitgier jeder Art zu befriedigen, die Massen der Völker gegeneinanderzuhetzen, sie mit grausigsten Mitteln abschlachten zu lassen?" Dies schrieb Anita Augspurg, Feministin, Juristin und Pazifistin, viele Jahre nach dem Ersten Weltkrieg in ihren Memoiren, die sie gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin Lida Heymann verfasste.

Am 31. Juli 1914 sucht sie mit der Freundin das Bürgermeisteramt im bayerischen Icking auf, um eine Grundstückssache zu klären. Der Bürgermeister wimmelt die Damen ab. Für so was sei jetzt keine Zeit. Er habe sich um die Mobilmachung zu kümmern.

Mobilmachung? Augspurg und Heymann stehen da, wie vom Donner gerührt. Sie können es nicht glauben, doch dann stürzen die Nachrichten auf sie ein. Das Deutsche Reich erklärt erst Russland den Krieg, dann Frankreich. Die beiden Wortführerinnen des Pazifismus und der Frauenbewegung sehen ihre Ziele verraten und widerlegt.

Noch bis kurz vor dem Krieg hatten Augspurg und Heymann kraftvoll ihre Stimme erhoben. Mit zahlreichen Initiativen, Zeitschriften und Vereinen stritt Augspurg in der Kaiserzeit für die Freiheit der Frauen und den Frieden auf Erden. Sie gründete 1894 die Gesellschaft zur Förderung der geistigen Interessen der Frauen, 1899 den Verein Frauenwohl und 1904 den Weltbund für Frauenstimmrecht.

Krieg statt Feminismus

Die Emanzipationsbewegung jener Zeit agierte jedoch uneinheitlich. Augspurg stand aufseiten des radikalen Flügels der bürgerlichen Frauenbewegung. Sie lehnte eine Politik der kleinen Schritte ab. Leidenschaftlich befürwortete sie die militanten Strategien der englischen Suffragetten. Das Wettrüsten in Europa beobachtete sie mit Nervosität.

Als Augspurg im August 1914 nach ihrer anfänglichen Starre wieder zu sich kommt, bemüht sie sich sofort um eine europaweite Fraueninitiative zur Beendigung des Krieges, muss aber feststellen, dass der heroische Internationalismus, der die Frauen noch vor wenigen Jahren auf großen Kongressen in Berlin, Amsterdam und London geeint hat, zerbrochen ist. Jetzt heißt es: Right or wrong, my country.

Augspurg sieht sich und Heymann isoliert unter den "der Kriegsfurie verfallenen Nationen". Zu den wenigen verbliebenen Gesinnungsgenossinnen gehört Minna Cauer in Berlin. Andere Mitkämpferinnen von einst, wie Gertrud Bäumer, die Vorsitzende des Bundes deutscher Frauenvereine, sprechen in typisch nationalistischem Ton von einem "uns aufgezwungenen Krieg" und rufen zur Unterstützung der Heimatfront auf.

Die einzige patriotische Aktion, zu der sich die Tierfreundin Augspurg durchringen kann, ist die Gründung eines Pferde-Samariter-Corps, das todwunden Kriegsrössern den Gnadenschuss geben soll. Aus der Sache wird jedoch nichts, weil die Oberste Heeresleitung keine Zivilisten hinter den Linien duldet.

Im Frühjahr 1915 gelingt es Augspurg und Heymann mit weiteren Pazifistinnen, Frauen aus zwölf Ländern in Den Haag zusammenzutrommeln. Gemeinsam fordern sie Abrüstung und schiedsgerichtliche Austragung internationaler Streitigkeiten. Doch die Konferenz führt lediglich zur Gründung eines Internationalen Frauenausschusses für dauernden Frieden, was eher die Sehnsucht nach Einfluss ausdrückt als den Einfluss selbst. Das reale Kriegsgeschehen geht über die Aktionen der Frauen hinweg. Deren Engagement für den Frieden wird von der Polizei beobachtet und behindert. Friedensfreundinnen gelten als Vaterlandsverräterinnen. Die Treffen, die Augspurg bei sich daheim in München abhält, muss sie als Teestündchen tarnen.

Frauen sollen eine bessere Welt bauen

Ihre Überzeugung, Frauen könnten eine bessere Welt bauen, ist nachhaltig erschüttert. Anita Augspurg selbst ging stets ihren eigenen Weg. Ursprünglich Lehrerin, studierte sie – nach weiteren Ausbildungen zur Schauspielerin und zur Fotografin – in Zürich Jura. Sie wurde die erste promovierte deutsche Juristin überhaupt. Ihr Spezialgebiet war das Familienrecht. Da im Kaiserreich allein der Ehemann über Vermögen, Wohnort und Berufstätigkeit seiner Frau entschied, forderte Augspurg öffentlich einen Eheboykott seitens der Frauen. Wer sich unbedingt mit einem Manne verbinden wolle, solle dies in "freier Ehe" tun, also ohne Trauschein. Mit diesem Appell löste sie einen Skandal aus. Sie selbst lebte nur mit Frauen, mehr als vier Jahrzehnte mit der gebürtigen Hamburgerin Lida Heymann.

Während der Revolution in Bayern kandidiert Augspurg 1919 als Parteilose auf der Liste der USPD für den Landtag, erringt aber kein Mandat. Nach der Niederwerfung der Räterepublik reist sie mit Heymann in die Schweiz, in Zürich findet der erste Nachkriegskongress des Internationalen Frauenausschusses für dauernden Frieden statt.

1923 beantragen Augspurg und Heymann beim bayerischen Innenminister die Ausweisung Adolf Hitlers wegen Volksverhetzung. So geraten sie früh auf die Todesliste der Nazis. Von einer Auslandsreise im Frühjahr 1933 kehren sie wohlweislich nicht mehr zurück. Zehn Jahre später sterben sie beide in Zürich.