Harry Graf Kessler, Kosmopolit und Kunstliebhaber

Als sich Ende Juli 1914 der Krieg für jedermann erkenntlich abzeichnet, wohnt der Kunstmäzen Harry Graf Kessler gerade einer Aufführung der Josephslegende in London bei. Er selbst hat das Libretto für das Ballett konzipiert, sein Freund Hugo von Hofmannsthal die Ausformulierung übernommen. Es spielen die Ballets Russes unter der Leitung Sergej Djagilews, Richard Strauss dirigiert, das Bühnenbild stammt von dem in Paris lebenden katalanischen Maler Josep Maria Sert.

Das ist Kesslers Welt: Aufgewachsen in Paris, Hamburg und Ascot bei London, verkörpert der Bankierssohn den Kosmopolitismus der Jahrhundertwende. Er wirkt als Weimarer Museumsdirektor, Kulturpolitiker und Autor, hält Kontakt zu Künstlern in ganz Europa – ein Netzwerker avant la lettre . Umso mehr verschlägt es einem den Atem, wenn man erfährt, mit welcher Seelenruhe Kessler das Ende dieses europäischen Kulturschaffens hinnimmt.

Im Anschluss an die Londoner Aufführung schifft sich Kessler zusammen mit seinem langjährigen Freund Auguste Rodin in Richtung Frankreich ein, trennt sich an einem Pariser Bahnhof von dem Bildhauer, der ihm noch zuruft, man sehe sich "nächsten Mittwoch bei der Gräfin Greffulhe", und macht sich nach Deutschland auf, zu seinem Regiment. Am 31. Juli notiert er in sein berühmtes Tagebuch: "Feldzugs Sachen bestellt und gekauft: Stiefel, Mantel, Revolver. Brownings sind nicht mehr zu haben." Am 1. August: "Nachmittags gegen sechs wurde die Mobilmachung bekannt. Man atmete auf, Druck und Schwüle wichen, eine kühle Entschlossenheit trat an ihre Stelle."

Mit Stil in die Schlacht

Wenig später fällt Kessler als Rittmeister des Garde-Reservekorps in Belgien ein, in das Heimatland seines Freundes Henry van de Velde, der Kesslers Weimarer Wohnung entworfen hat und mit dem er in den letzten Jahren vor dem Krieg gemeinsam an Entwürfen für ein Nietzsche-Denkmal arbeitete. Nur in einem, scheint’s, bleibt sich Kessler treu: Er zieht mit Stil in den Krieg. An die Front fährt er in einem eigenen Abteil, sein alter Diener folgt ihm freiwillig auf Schritt und Tritt. Als Kessler später auf einem Feldzug in den Karpaten steckt, versorgt ihn seine Familie aus der Schweiz mit französischer Schildkrötensuppe in Konserven.

Typisch für seine Zeit ist Kesslers nietzscheanisch inspirierter Wunsch nach der großen Erneuerung. Zunächst hat er gehofft, diese Erneuerung im Jugendstil zu finden. Doch der Versuch dieser Bewegung, Kunst und Leben zu vereinen, scheiterte – vielmehr schloss hier die Kunst das Leben ein, wie der Politologe Dolf Sternberger im Rückblick treffend bemerkte. So bleibt auch Kessler nur der Krieg als Hoffnung: "Rings herum brannte die Stadt; aber hier ging aus Flammen und Rauch ein neues Leben siegreich auf: vorwärts über Gräber!"

Neben diesen nationalistisch gefärbten Phrasen steht Kesslers eigener Blick auf den Krieg. Ganz Ästhet, schreibt er über verkohlte Leichen: "Ihr Gesicht sah meistens aus wie ein großer Chokoladenauflauf, in dem die Augen ganz klein und weiß wie Mandeln drinsteckten." Er begreift aber auch die bahnbrechende Modernität des Kriegs in den Kommandozentralen hinter der Front: "Wenn man nicht wüßte, worum es sich handelt, könnte man annehmen, dass wichtige Orders und Börsengeschäfte abgeschlossen würden."

Nur drei Monate werde der Krieg dauern, denkt Kessler

Zwei, drei Monate, glaubt Kessler, werde der Krieg dauern. Für ihn persönlich dauert er bis Ende April 1916. Da geht der damals 48-jährige Kessler ein letztes Mal an die Front, als Beobachtungsoffizier nach Verdun. "Den Wahnsinn dieses Massenmords sieht bei uns Jeder ein", notiert er bereits zwei Tage nach seiner Ankunft. Ernüchtert kehrt er wenig später nach Berlin zurück und ergattert schließlich einen Posten als Kulturattaché an der deutschen Gesandtschaft in der Schweiz.

So findet er in die Welt der Kunst zurück. Offiziell ist Kessler beauftragt, für die deutsche Kultur propagandistisch zu wirken, inoffiziell damit, über die Kontakte zu seinen alten Freunden in Paris die Chancen für einen Separatfrieden mit Frankreich auszuloten. Das bringt ihn in Kontakt mit Pazifisten wie dem expressionistischen Dichter Johannes R. Becher und den Dadaisten John Heartfield und George Grosz. Und auch wenn Kessler bis zum Ende des Kriegs an den deutschen Sieg glaubt, so keimt durch diese Begegnungen doch eine neue Hoffnung in ihm auf: dass der Krieg, das Opfer so vieler junger Menschen, nicht umsonst gewesen ist, wenn er in Pazifismus, einen demokratischen Sozialismus und eine erneuerte Kunst mündet. Nach Kriegsende sympathisiert Kessler sogar mit der Revolution, was ihm den Beinamen "der rote Graf" einbringt. In der Weimarer Republik widmet er sich dann als Publizist und Diplomat ganz der Idee des ewigen Friedens und einer Völkerverständigung jenseits des Nationalen.

Dass auch diese nachträgliche Sinngebung eines sinnlosen Krieges sich nicht aufrechterhalten lässt, wird ihm bewusst, als Hitler an die Macht kommt. Resigniert emigriert er nach Frankreich. Den Beginn des Zweiten Weltkriegs zu erleben bleibt Kessler indes erspart, er stirbt zwei Jahre zuvor in Lyon.