Sonnabend, der 1. August 1914, das Deutsche Reich erklärt Russland den Krieg – und am selben Tag noch fallen die ersten Schüsse. In Ostpreußen, an der östlichen Grenze in der Ortschaft Prostken. Am 2. August stoßen russische Truppen in die Kreise Memel und Heydekrug vor. Eine Nacht später tauchen Kosakeneinheiten bei Groß Czymochen auf; die nahe gelegene Kreisstadt Marggrabowa ist am 14. August die erste deutsche Stadt in russischer Hand.

Der Blick nach Westen, auf Langemarck und Verdun, hat im deutschen Gedächtnis den östlichen Kriegsschauplatz weitgehend verdrängt. In den Jahren nach 1945 geriet er zusätzlich in Vergessenheit, und heute dürfte es kaum noch Teil der kollektiven Erinnerung sein, dass der einst östlichste Teil Deutschlands als einzige Provinz während des Weltkriegs die Erfahrung von Kampf, Besatzung und Zerstörung machen musste.

Und das just in den ersten Monaten des Krieges. Von zwei Seiten her planten die Russen den Angriff: von Osten mit der Njemen-Armee unter General Paul von Rennenkampff, von Süden durch die Narew-Armee Alexander Samsonows; in Königsberg sollten sich die Heere vereinigen. Berlin kannte diese Gefahr – und ging das Risiko ein. Dem Schlieffen-Plan gemäß blieb Ostpreußen im Zweifrontenkrieg nur schwach verteidigt; erst sollte Frankreich rasch niedergeworfen werden, dann wollte man sich nach Osten wenden.

An der Grenze in Ostpreußen herrscht die Angst. Die Provinz ist vom Zarenreich, zu dem damals weite Teile Polens gehören, geradezu umschlossen; mehr als 500 Kilometer misst die gemeinsame Grenze. Eine völlig ungenügend gesicherte Grenze: Zum Schutz ist allein die 8. Armee unter Generaloberst Maximilian von Prittwitz vorgesehen. Damit stehen insgesamt 173 000 Deutsche einer Übermacht von 485 000 Russen gegenüber.

Am 17. August kommt es zum ersten größeren Gefecht bei Stallupönen. Drei Tage später überlässt Prittwitz den Russen bei Gumbinnen voreilig das Feld und ordnet den Rückzug an. Schon kursiert das Gerücht, er habe die gesamte Provinz preisgegeben. Rasch entbindet Generalstabschef Helmuth von Moltke den glücklosen Prittwitz von seinen Aufgaben und schlägt dem Kaiser als Nachfolger den 67-jährigen Paul von Hindenburg und den ehrgeizigen, 49-jährigen Erich Ludendorff vor.

Ostpreußens Schicksal inspiriert derweil die Propagandamaschine. Volkstümlich-patriotische Reime machen die Runde: "Mancher Herr und manche Dame / wagten, dich als Nest zu höhnen. / Doch von Kriegsruhm blinkt dein Name, / Stallupönen, Stallupönen!" Auch der Berliner Theaterkritiker Alfred Kerr gibt jede Zurückhaltung auf: "Hunde dringen in das Haus – / Peitscht sie raus!", kreischt er. "Rächet Insterburg, Gumbinnen / Und vertobackt sie von hinnen. [...] / Dürfen uns nicht unterkriegen – / Peitscht sie, daß die Lappen fliegen. / Zarendreck, Barbarendreck / Peitscht sie weg! Peitscht sie weg!!"

In Windeseile treffen die neu ernannten Befehlshaber Hindenburg und Ludendorff ein, aber schon droht neues Ungemach. Im südlichen Ostpreußen überschreitet die Narew-Armee am 20. August in breiter Front die Grenze; bereits am 28. August halten die Russen knapp zwei Drittel der Provinz besetzt.

Doch dann kommt die Wende. Bis zum 30. August gelingt es Hindenburgs Truppen, die Armee Samsonows im Raum von Tannenberg zu umzingeln. Binnen weniger Tage zwingt er die Russen zur Aufgabe – das westliche Masuren ist wieder frei. Während der Kämpfe fallen 120 000 russische Soldaten, 90.000 geraten in deutsche Kriegsgefangenschaft. Auf deutscher Seite sind 13.058 Tote zu beklagen; Zahlen, die das Massenelend des beginnenden Krieges schon ahnen lassen.

"Die Schlacht von Tannenberg" – dieser rasch propagierte Name soll den Sieg historisch aufladen, soll anknüpfen an den Sommer 1410, als just hier, in der Nähe dieses Dorfes, das polnisch-litauische Heer den Deutschen Orden vernichtend geschlagen hat. (Die Polen benannten ihren Triumph nach einem anderen nahen Dorf: Grunwald.) 1914 soll die Revanche für 1410 sein. "Das Oberkommando", schreibt Ludendorff in sein Kriegstagebuch, "verlegte am 28. 8. früh seine Gefechts-Befehlsstelle nach Frögenau, westlich Tannenbergs, ich war dagegen, weil ich zu abergläubisch war. Später schlug ich vor, daß die Schlacht den Namen Tannenberg bekommen soll, als Sühne für jene Schlacht von 1410." Und so teilt Hindenburg Wilhelm II. noch am Abend des 29. August 1914 mit: "Die Scharte von 1410 ist auf weiter Linie um diesen alten Kampfplatz herum gründlichst ausgewetzt worden."

Hindenburg weiß den Sieg gut zu nutzen – vor allem für sich selbst. Nach der ersten großen Niederlage im Westen, dem Desaster an der Marne, nur wenige Tage nach Tannenberg, braucht die deutsche Seele dringend einen Helden. Er bietet sich an. Noch 1918, nach der Flucht Wilhelms ins niederländische Exil, wirkt der "Hindenburg-Mythos" weiter. Jetzt gilt der bestenfalls mittelmäßige Militär, der "Retter Ostpreußens", als Ersatzmonarch.

Mit dem Hindenburg-Kult gelingt es den rechten Feinden der Demokratie, die Abneigung gegen die deutsche Republik dauerhaft zu verfestigen. Zum zehnten Jahrestag der Schlacht wird in Tannenberg eine monumentale, Stonehenge-ähnliche Denkmalanlage eröffnet. Die Nationalsozialisten inszenieren hier bald große Auftritte. So besucht Hitler am Vorabend des zweiten Wahlgangs der Reichspräsidentenwahl 1932 (Hitler gegen Hindenburg) Tannenberg. Nach Hindenburgs Tod 1934 – und der Beisetzung im Denkmal – feiert die NSDAP ihren "Führer" als seinen einzig legitimen Nachfolger, durch den "Ostpreußen erneut zum deutschen Heiligtum geworden" sei.

Dem Gegner von 1914, Alexander Samsonow, ward indes ein bitteres Schicksal bereitet. In seinem Roman August Vierzehn beschreibt Alexander Solschenizyn sein tragisches Ende: Als sich die vernichtende Niederlage abzeichnete, nahm er alle Schuld auf sich und erschoss sich in der Nähe der Försterei Karolinenhof. Durch Vermittlung des Dänischen Roten Kreuzes reist im September 1915 Samsonows Witwe mit einem Vertreter des Berliner Kriegsministeriums nach Ostpreußen, um das Grab ihres Mannes zu sehen. Forstbeamte haben ihm einen Stein errichtet: "General Samsonow, der Gegner Hindenburgs in der Schlacht bei Tannenberg. Gef. den 30. August 1914". Der Leichnam wird exhumiert und nach Russland überführt. Mitten im Krieg gibt deutsches Militär dem feindlichen General ein feierliches Ehrengeleit zum Bahnhof.