Das war zweifellos sein großer Moment: Am 2. August 1914 – der Krieg hatte gerade erst begonnen – sprach der Berliner Hof- und Domprediger Bruno Doehring von den Stufen des Reichstagsgebäudes in einem improvisierten Gottesdienst zur versammelten riesigen Menschenmenge auf dem Königsplatz. "Wenn wir nicht [...] die Nähe Gottes empfänden, der unsere Fahnen entrollt und unserem Kaiser das Schwert zum Kreuzzug, zum heiligen Krieg in die Hand drückt, dann müssten wir zittern und zagen", rief der Theologe. "Nun aber geben wir die trutzig kühne Antwort, die deutscheste von allen deutschen: ›Wir Deutsche fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt!‹ "

Beide christlichen Kirchen im Reich bejubelten den Krieg als Anbruch einer neuen Zeit, als Fingerzeig Gottes. Wie Doehring sprachen viele Pfarrer von einem "heiligen Krieg" gegen Sünder und Heiden. Die evangelischen Kirchen unterstützten die Regierung dabei stärker als die katholische Kirche; das vom protestantischen Preußen dominierte Kaiserreich gründete im Nationalprotestantismus. So formulierte die preußische Kirchenleitung, der Evangelische Oberkirchenrat, in einer Erklärung vom 11. August 1914: "Scheinbar erstorbene Glaubensfunken leuchten wieder auf [...]. Man kann sagen: ein Feld, weiß und reif zu einer Geistesernte, liegt vor uns!" Etwas kryptisch verpackt, wurde der Krieg hier mit religiöser Erneuerung und Geländegewinn für den Glauben gleichgesetzt. Auf die frivole Leichtfertigkeit des Lebens während der langen Friedensperiode seit 1871 folgte nun in den Augen der Kirchenführer eine Phase der Ernsthaftigkeit. Not und Massensterben nahm man billigend in Kauf.

Häufig knüpften Pfarrer an den heroischen "Geist der Befreiungskriege" von 1813 gegen die napoleonische Fremdherrschaft an. Dass deutsche Gebiete diesmal kaum von feindlichen Truppen besetzt waren, sondern – von Ostpreußen einmal abgesehen – alle wesentlichen Kriegsschauplätze außerhalb der Reichsgrenzen lagen, übersahen die Pfarrer bei ihrem Vergleich gern. Den Kampf rechtfertigten sie mit der Bedrohung ringsum.

Der junge Domprediger Doehring zeigte in der Disziplin der vaterländischen Kriegspredigt besonderes Talent. Geboren 1879 als Sohn eines Landwirts, wurde er im Februar 1914 vom Kaiser zum jüngsten Hof- und Domprediger berufen und avancierte, durch die Kriegsstimmung befördert, schnell zu einem der prominentesten Kanzelredner der Hauptstadt. Seine Ansprachen wurden auf Handzetteln und Flugblättern verbreitet, von Zeit zu Zeit erschienen sie in Buchform. Die hochpatriotische Predigt war auch ein einträgliches Geschäft.

Exemplarisch für den propagandistischen Ton seiner Vorträge steht Doehrings Sonntagspredigt Stark und reif! Gedanken zur Gegenwart, die er am 15. April 1917 vor zwei- bis dreitausend Hörern hielt. Der Siegesenthusiasmus des August 1914 war inzwischen verflogen, Debatten über deutsche Kriegsziele und Friedensbedingungen griffen um sich. Deutschland könne nicht untergehen, erklärte Doehring, selbst wenn es nach heldenmütigem Kampf fallen sollte. "Wohnt Christus in unserem Volk, dann mögen sie uns hinmorden wie die Juden einst unsern Herrn, aus unserm Grabe steht das neue Deutschland auf!"

Der Domprediger verlieh – mit deutlich antisemitischer Stoßrichtung – den Deutschen damit die Weihe eines Erlöservolkes. Die Mission der Deutschen sei es, die Welt aus dem Chaos zu führen, für das Staaten wie England verantwortlich seien. "In diesem [auserwählten] Volk müssen sich Kräfte auswirken, die genau das Gegenteil sind von dem rücksichtslosen Geschäftssinn Englands, von dem blinden Hass Frankreichs, von der unklaren Gewaltsamkeit Russlands, von der infamen Treulosigkeit Italiens, von dem tierischen Beutehunger Rumäniens und von der hirnverbrannten Verlogenheit der amerikanischen Dollarkönige." Deren Widerstand sah er als Bestätigung: "Würde man uns Deutsche so hassen [...], wenn man nicht [...] die unheimliche Befürchtung hegte: wir wären am Ende doch das Volk, das am ehesten vor allen anderen [...] befähigt sein müsste, dem Recht auf Erden zum Siege zu verhelfen?"

Liest man die Kriegspredigten heute, fragt man sich, warum solch entgleiste evangelische Wortverkündung damals kaum kritisiert wurde. Erst fünfzehn Jahre später sollte mit der Bekennenden Kirche eine Gegenbewegung zu den nationalsozialistischen Deutschen Christen entstehen.

Umso weniger verwundert es, dass Domprediger Doehring, derart ungebremst, bei Kriegsende zusammen mit dem Theologen Reinhold Seeberg zu den maßgeblichen Erfindern der Dolchstoßlegende gehörte. Von Januar 1919 an gab Doehring das Blättchen Der deutsche Aufbau heraus, in dem er Kommentare zum Zeitgeschehen publizierte. Er diagnostizierte darin den seelischen Zusammenbruch des deutschen Volkes; die Feinde hätten nur aufgrund von "Heimtücke" und "Verrat" im Inneren den Krieg gewinnen können. Eine politische Wiederauferstehung der Deutschen, war sich Doehring sicher, sei nur durch Rückbezug auf die Wurzeln wahren Deutschtums möglich: Gott, Jesus Christus, Martin Luther, Bismarck – verkündet durch ihn, den Domprediger. In diesem Sinn bekämpfte er die erste deutsche Demokratie von Beginn an – bis zu ihrem Ende im Jahr 1933.