Eine liebeskranke Spionin soll sie gewesen sein, die nach dem Tod ihres Angebeteten alle Skrupel ablegte. Als Putzfrau getarnt, so der Mythos, drang sie in die höchsten Ränge des Gegners vor, ihre Abenteuer führten sie durch den Balkan, durch Belgien und Frankreich. Am Ende starb sie morphiumabhängig in einem Irrenhaus.

Autoren und Filmemacher haben Elsbeth Schragmüller gern ein erotisch umtriebiges Leben angedichtet. Eine Frau, die 1914 beim Geheimdienst anheuerte? Da gingen die Fantasien über. Dabei gibt es durchaus verlässliche, wenn auch spärliche Quellen über ihre Arbeit. Nur war der Job nicht halb so aufregend wie die Geschichten über die schon während des Krieges berüchtigte "Mademoiselle Docteur", die auf der Suche nach Agenten durch Europa reiste.

Tatsächlich hat Elsbeth Schragmüller für ihre Arbeit selten ihren Schreibtisch verlassen. Die promovierte Staatswissenschaftlerin (daher das "Fräulein Doktor") leitete von 1915 an die Abteilung für Spionage gegen Frankreich im Nachrichtendienst der Obersten Heeresleitung, zunächst in Antwerpen, von 1917 an in Freiburg. Dort baute sie ein Agentennetz aus französischen Deserteuren auf. In ihrem einzigen autobiografischen Bericht, der 1929 erschien, erklärt sie, dass sie "niemals als ›Spionin‹ [...] zu Ermittlungen irgendwelcher Art in das feindliche Ausland entsandt worden" sei. Vielmehr lag ihre Aufgabe "in der Organisation der systematischen Aufklärung des bis nach Amerika reichenden westlichen Kriegsschauplatzes, in der Gewinnung von [Verbindungspersonen], in ihrer Instruktion, in der Sicherstellung ihrer Meldewege [...], in der Abfassung und Weiterleitung der Meldungen an das Große Hauptquartier".

Fließendes Englisch, Französisch – und eine Promotion in Politologie

Informationen galten im Ersten Weltkrieg als wichtige Waffe – man spricht auch vom ersten Kommunikationskrieg. Neben der Spionage gehörte dazu das gigantische Nachrichtensystem, mit dem die Deutschen und die Alliierten Europa überzogen. Hunderttausende Kilometer Telefonleitungen verlegten sie zwischen den Schützengräben; der erste Funkverkehr wurde ausprobiert. Die mediale Aufrüstung schuf einen enormen Bedarf an Nachrichtenpersonal. Davon profitierte Elsbeth Schragmüller.

Obwohl der Geheimdienst auch weibliche Agenten rekrutierte, war sie die einzige Frau in einer hohen leitenden Funktion. Entscheidend dafür war ihre für eine Frau im Kaiserreich ungewöhnliche Bildung: Das Abitur machte sie 1908 gegen den Willen ihrer Familie. Englisch und Französisch – später ihre Eintrittskarte für den Geheimdienst – lernte sie von Muttersprachlern. Als eine der ersten Frauen in Deutschland wurde sie zum Politikstudium zugelassen und 1913 magna cum laude promoviert.

Im August 1914 arbeitet Schragmüller seit einem Jahr als Lehrerin für Staatsbürgerkunde beim Berliner Lette-Verein für Frauenberufsbildung. Sie teilt den patriotischen Enthusiasmus vieler Frauen und bringt am Bahnhof durchfahrenden Truppen Wasser an die Züge. Doch sie will mehr tun: "Wie in jenen Tagen jeder Deutsche ohne Unterschied des Geschlechts nur von dem einen Willen beseelt war, sich in den Dienst des bedrohten Vaterlandes zu stellen, so hatte auch ich nur ein Streben: ›helfen!‹." Obwohl sie mit ihrem Schicksal als Frau hadert, "leistete ich mir selbst den Schwur, trotzdem meine Fähigkeiten der Niederzwingung der Feinde dienbar zu machen".

Hartnäckig bittet sie um einen Passierschein für die Westfront und spricht gar persönlich vor. Am 20. August bekommt sie tatsächlich den Bescheid. Sie schlägt sich nach Brüssel durch, quartiert sich dort im selben Hotel wie Generalfeldmarschall Colmar von der Goltz ein, lauert ihm nach dem Mittagessen regelrecht auf und überzeugt ihn von ihrer Absicht, für das Militär zu arbeiten. Schragmüller bekommt einen kleinen Posten in der Kriegsnachrichtenstelle Brüssel und sucht zunächst in den Briefen belgischer Soldaten Hinweise auf einen möglichen Angriff der Briten.

Hochgeachtet von den Chefs, streng zu den Untergebenen

Die umfassenden Berichte des "Leutnants Schragmüller" fallen dem Leiter der Nachrichtenstelle schon Anfang Oktober auf. Er ist erstaunt, eine Frau kennenzulernen, dennoch bietet er ihr eine feste Stelle an. Bis Anfang 1915 wird sie eingearbeitet, danach überträgt ihr der Leiter des Geheimdienstes, Major Walter Nicolai, die Leitung der Spionage gegen Frankreich.

Nicolai hält große Stücke auf sie. Wäre sie 1940 nicht gestorben, hätte man sie wohl auch im Zweiten Weltkrieg für den Geheimdienst rekrutiert – diese Vermutung hat er später zu Protokoll gegeben. Ihren Umgang mit Agenten – gerade den durchtriebensten von ihnen – findet er bewundernswert. Schragmüller selbst ist eine strenge Chefin. Sie beklagt einmal, wie schwer es sei, loyale Mitarbeiter aus wohlhabenden Schichten zu finden, Menschen, die nicht nur auf Staatskosten gut leben wollten. Ihre bekannteste Agentin ist Mata Hari, die niederländische Tänzerin, die 1917 auffliegt und in Frankreich hingerichtet wird.

Schragmüllers gutem Ruf kann das wenig anhaben. In der Forschung über den Geheimdienst gilt sie als eine, die erheblich zum Erfolg des Nachrichtendienstes in Antwerpen beigetragen hat. So spektakulär die Außenwelt ihre Arbeit fand, so nüchtern war ihr eigener Blick darauf. Als größten Lehrmeister nannte Schragmüller den Krieg selbst: "Er gab die unmittelbarsten Lehren durch praktische Erfahrung, er fällte den unerbittlichsten Richtspruch auf jedes Handeln: Erfolg oder – Versagen."