Eigentlich hat Prinzessin Therese lieber nach Hawaii fahren wollen. In München diagnostiziert die Schwester des letzten bayerischen Königs Ludwig III. im Sommer 1914 um sich herum nichts als "Lügen u. immer Lügen", "absichtlich geschürten Kriegstaumel", Heuchelei, Selbstherrlichkeit und "schreiendes Unrecht". Und "in diesem Pfuhl von Unwahrheiten [...] mußte ich nun mit meinem bekannt übertrieben wahren Wesen aushalten, Tag für Tag moralisch gepeitscht u. moralisch gemartert".

Das bayerische Königshaus Wittelsbach ist bereits einiges gewohnt von der eigensinnigen "demokratischen Tante". Mittlerweile 64 Jahre alt, hat die Naturforscherin auf ihren Expeditionen den Balkan, Russland und den Polarkreis bereist, hat Nord- und Südamerika durchkämmt und zahlreiche Bücher publiziert; dazu korrespondiert sie mit Professoren auf der ganzen Welt. Vor dem Hofleben schaudert ihr. Mühsam hat sie ihre Familie "erzogen", um ihren Freiheitsdrang im "Wunderlande jenseits des Oceans" ausleben zu können.

Statt ihre Freiheit an einen Ehemann zu "verkaufen", lernt sie elf Fremdsprachen, hört Vorträge und liest Alexander von Humboldt, der ihre Tropensehnsucht und ihren ganzheitlichen Forschungsansatz inspiriert. Während andere Wissenschaftler beginnen, im Labor die Materie mit Röntgenstrahlung zu durchleuchten und in Atome zu zerlegen, reist sie noch zu Pferd und im Kanu und untersucht die Welt kontinenteweise mit Botanisiertrommel und Herbarium.

Eine Frau für die Wissenschaften

Als erste Frau wird Therese von Bayern 1892 Ehrenmitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften; 1897 wird sie mit der Ehrendoktorwürde der Universität München ausgezeichnet – da dürfen Frauen in Bayern noch nicht mal studieren. Man befürchtet, ihre Anwesenheit könnte sich bei der Erörterung naturwissenschaftlicher Gegenstände "störend und beengend" auswirken. Therese ihrerseits befürchtet stets, dass sie die Ehrungen allein ihrer "prinzlichen Stellung" verdankt.

Dass ihre Tage als Fürstin bereits gezählt sind, ahnt sie im Sommer 1914 noch nicht, und es deutet zunächst auch wenig darauf hin, dass es mit König- und Kaisertum in Deutschland bald vorbei sein wird: Die konstitutionelle Monarchie in Bayern erfreut sich allgemein großer Zustimmung. Angesichts der zunehmenden Zentralisierung im Reich und der preußischen Vorherrschaft wird Thereses Bruder Ludwig als Repräsentant regionaler Unabhängigkeit vom Volk geschätzt. Mit seiner volkstümlichen Vorliebe für Kegelabende und Jagdausflüge ist der König bei "seinen Bayern" beliebt. Als am 25. Juli die Antwort Serbiens auf das österreichische Ultimatum bekannt wird, versammeln sich vor dem Palais in München die Menschen, um Ludwig mit Hoch und Hurra die Treue zu bekunden. Der ist allerdings, in Verkennung der Lage, in die Sommerfrische abgereist.

Therese sitzt aus anderen Gründen auf gepackten Koffern. Sie hat eine Weltreise geplant, doch die muss sie nun absagen. Auch ihr Bemühen, mit den "ewigen Zeitungslügen" über Russland aufzuräumen, hat sich als vergeblich erwiesen. Gerüchte über Anschläge russischer Agenten und vergiftetes Trinkwasser machen die Runde. In der Gelehrtenwelt, an die Therese gerade noch Anschluss gesucht hat, beschwört man nun den Furor teutonicus und den "heiligen Krieg", befasst sich mit der Entwicklung von Sprengstoff und Prothesen oder zieht gleich selbst an die Front. Auch ihr Bruder Ludwig, ein König von eher unmilitärischem Auftreten und im Sommer 1914 zunächst ohne Eifer, hält bald, von der allgemeinen Erregung getrieben, nur noch einen "Siegfrieden" für akzeptabel, von dem auch Bayern territorial profitieren soll.

Therese allerdings will denken, "wie mir es beliebt", und rechnet die Fehleinschätzungen der Militärs verächtlich einzeln vor. Sie bleibt während der Kriegsjahre lieber in ihrer Villa in Lindau am Bodensee. "Es ist heller Wahnsinn in unserer culturell so hoch entwickelten Zeit!", schreibt sie einer Freundin im Oktober 1914. "Ich sehe kein Ende des jetzigen Zustandes hier, bis alle Staatsfinanzen zerrüttet, aller Wohlstand vernichtet u. die ganze Bevölkerung dezimiert ist!" Unter ihren "kriegshypnotisch eingestellten Bekannten" werden bereits Stimmen laut, sie gehöre eingesperrt.

Verachtung für den Krieg

Den Menschen traut sie, wie ihre Biografin Hadumod Bußmann 2011 schreibt, schon lange kaum Gutes mehr zu. "Ausspucken" möchte sie vor ihrem Egoismus und ihrer Böswilligkeit. Zwar ist sie in Wittelsbacher Tradition zu Härte gegen sich selbst erzogen worden. "Ich erschrocken, das kenne ich nicht", wird die an Tuberkulose erkrankte Prinzessin 1925 im Angesicht ihres eigenen Todes sagen. Doch die "barbarischen Mittel" des Krieges und das "der Menschheit bevorstehende Elend" bereiten ihr "unbeschreibliche seelische Qualen". Auf dem Land und in dem von ihr eingerichteten Lazarett nimmt sie unmittelbar Anteil an der Not der "armen Leute", während dem königlichen Bruder in München das Gefühl für die Realität zunehmend abhandenkommt.

Der Umsturz 1918 macht aus dem Wittelsbacher Familienerbe "altes Gerümpel" und aus Therese, die den Nachlass sichtet, eine Archivarin der Monarchie. Dabei verdenkt sie "niemandem seine republikanische Gesinnung", und persönlich empfindet sie es als Erlösung, nun "Mensch unter Menschen" zu sein. Die Zeit ihrer Reisen ist allerdings vorbei: Nach Hawaii ist sie nicht mehr gekommen.