Christian Harbulot, Direktor der Pariser Economic Warfare School (EGE, Ecole de Guerre Economique) © MIGUEL MEDINA/AFP/Getty Images

"Die USA sind eine Kriegsmaschine", ruft Peer de Jong in den stickigen Hörsaal der École de Guerre Économique (EGE) . " Sie sind der Hauptgegner unserer Wirtschaft!" Die Hände des Ex-Generals der französischen Marine ziehen Schleifen durch die Luft, während er sich vor seinen 50 Studenten an der "Schule des Wirtschaftskrieges" in Rage redet. "Seit den neunziger Jahren haben die Amerikaner Milliarden in Aufbau und Überwachung des Internets gesteckt, jetzt kontrollieren sie dieses System", sagt de Jong. "Oberste Priorität ihrer Geheimdienste ist die Wirtschaft." Und unter den Topzielen seien Frankreichs Konzerne.

Simon, der seinen Nachnamen nicht gedruckt sehen will, nickt zufrieden. Die 10.000 Euro Gebühren, die der 23-Jährige der Pariser Kaderschmiede für die neunmonatige Ausbildung zum Wirtschaftskrieger bezahlt hat, scheinen sich auszuzahlen. Jede neue Enthüllung aus dem Fundus des früheren US-Geheimdienstmitarbeiters Edward Snowden treibt Simons Marktwert nach oben.

Mehrmals flogen französische Agenten bei der Industriespionage schon auf

Ob Cybersicherheit, systematisches Sammeln und Analysieren von Informationen oder der Schutz sensibler Daten vor Angreifern: All die Kenntnisse, die Simon auf der EGE erwirbt, suchen Europas Unternehmen heute dringender denn je. Weil immer offensichtlicher wird, dass die amerikanischen und britischen Geheimdienste mit ihren Datensammelprogrammen bei Weitem nicht nur Staatsfeinde ausspähen. "Die US-Regierung tut alles dafür, ihren Industriekonzernen strategische Informationen über ausländische Konkurrenten zu beschaffen", sagt Simon. "Sie werden uns zerstören, wenn wir uns nicht entschlossen dagegen wehren. Unsere Geheimdienste müssen das Vaterland verteidigen." So wie er reden neuerdings viele Franzosen – auch außerhalb der EGE.

Die Reaktionen Deutschlands und Frankreichs auf den NSA-Skandal könnten unterschiedlicher nicht sein. Während Berliner Behördenchefs und Politiker dem heiklen Thema Industriespionage gerne ausweichen, geben sich ihre Pariser Pendants redefreudig und kampfeslustig. "Es ist im Interesse der Nation, unsere Unternehmen zu verteidigen", sagte Bernard Squarcini, der langjährige Chef des Inlandsgeheimdienstes, der Zeitung Le Figaro. Und Frankreichs Handelsministerin Nicole Bricq erklärte vor laufender Kamera, "Gejammer" über die allumfassende Überwachung sei fehl am Platz. Wichtig sei allein, dass man mit "gleichen Waffen" wie die USA kämpfe. "Ich hoffe doch, dass wir wissen, was bei den anderen vorgeht", sagte sie dem Sender TV5. "Wir müssen besser sein als die Briten, Amerikaner und Deutschen."

Das klingt nach Grande Nation. Aber sind Frankreichs Geheimdienste wirklich so mächtig, wie es ihre Propagandisten suggerieren?

Fest steht: Anders als ihre deutschen Nachbarn haben die Franzosen die dunkle Seite der Wirtschaft nie tabuisiert. Vor wenigen Jahren hat sich der Auslandsgeheimdienst DGSE sogar eine eigene Abteilung für Wirtschaftsspionage zugelegt, ganz offiziell. Das passt ins Bild der Weltwirtschaft, das Präsident François Mitterrand 1988 ein "Schlachtfeld" genannt hat, auf dem sich "die Unternehmen einen gnadenlosen Krieg liefern" – und auf dem Mitterrands Staat kräftig mitkämpfte: 1989 flogen DGSE-Agenten in den US-Unternehmen IBM, Texas Instruments und Corning auf. Später kam heraus, dass der Dienst die erste Klasse von Air-France-Flugzeugen verwanzt hatte. "Es wäre nicht normal, würden wir die USA bei politischen Themen ausspionieren", sagte der ehemalige Geheimdienstchef Pierre Marion 1991. "Aber im wirtschaftlichen Wettbewerb sind wir Kontrahenten, keine Verbündeten."

In dieses spezielle Verständnis aktiver Wirtschaftsförderung passt ein EU-Bericht, der 2001 in Berlin für Befremden sorgte. Er legte nahe, dass die DGSE für den Technologiekonzern Alstom den deutschen Kontrahenten Siemens im Wettbewerb um einen Großauftrag für Hochgeschwindigkeitszüge in Südkorea ausgespäht haben könnte. Bewiesen wurde das nie. Dafür wurden Ende 2010 französische Geheimdienstler in flagranti erwischt, als sie in Toulouse das Hotelzimmer des Chefs der Fluggesellschaft China Eastern durchwühlten.

Auch im vergangenen Jahr machte die DGSE Schlagzeilen. Der Geheimdienst sammelte der Zeitung Le Monde zufolge systematisch Millionen Daten zu innerfranzösischen und internationalen Computer- und Telefonverbindungen. Ein DGSE-Offizieller soll sich damit gebrüstet haben, dass die geheimdiensteigenen Superserver so riesig seien, dass sich mit ihrer Abwärme die Gebäude der Spionagezentrale am Pariser Boulevard Mortier beheizen ließen.