Zufall ist das Akronym Pisa (Programme for International Student Assessment) mit Sicherheit nicht. In Pisa wurde am 15. Februar 1564 Galileo Galilei geboren, und es ist bemerkenswert, dass die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, die OECD, ihr Programm zur Bestimmung des Bildungsstands von Schülern mit dem Namen jener Stadt assoziiert, die man durch Galileis Wirken mit einigem Recht als Geburtsort der modernen Naturwissenschaften ansehen kann. Offenbar gelten diese der OECD als bedeutender Teil der Bildung.

Hierzulande dagegen reduziert sich die Diskussion über den Nachwuchsmangel im sogenannten Mint-Bereich (kurz für: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) zumeist auf die drohenden ökonomischen Folgen. Die deutsche Industrie benötigt Techniker, Chemiker und Ingenieure, um jene Produkte weiterzuentwickeln, mit denen sie auf den Weltmärkten ihr Geld verdient. Dass die Naturwissenschaften eine Errungenschaft, wenn nicht sogar ein Triumph der europäischen Geistesgeschichte sind und als solche ein integraler Bestandteil unserer Kultur, spielt dabei keine Rolle. Eine grundsätzliche gesellschaftliche Bedeutung über den Aspekt der bloßen Nützlichkeit hinaus haben die Naturwissenschaften schon lange nicht mehr. Das war einmal anders.

Als Galileo Galilei vor 450 Jahren in Pisa geboren wurde, war die Naturkunde Teil eines philosophisch-theologischen Ideensystems mit einer langen und durchaus ehrwürdigen Geschichte. Im Wesentlichen wurde damals eine christliche Adaption des aristotelischen Weltbilds gelehrt. Die Erde galt als Kugel im Zentrum eines Zwiebelschalensystems aus Himmelssphären, an denen Sterne und Planeten hafteten. Das war einfach zu verstehen und vertrug sich mit dem gesunden Menschenverstand. Zudem existierten umfangreiche, auf den griechischen Astronomen Ptolemäus zurückgehende Tabellen, die es den Renaissanceastronomen erlaubten, die Positionen von Himmelskörpern vorauszuberechnen. Und gemessen an den vor 500 Jahren gestellten Ansprüchen, funktionierte das mit zufriedenstellender Genauigkeit.

Es gibt eine Reihe von Irrtümern und Vorurteilen, die im Zusammenhang mit Galileis Geschichte immer wieder bemüht werden. Eines davon ist die angebliche Wissenschaftsfeindlichkeit der Kirche – die hat es so nie gegeben. Vielmehr war die Kirche die Hüterin des aristotelisch-ptolemäischen Paradigmas, das 2.000 Jahre lang hervorragende Dienste geleistet hatte. Um die Rolle der Wissenschaft in der Renaissance zu verstehen, muss man die damalige italienische Gesellschaft differenzierter betrachten. Dem Machtapparat des Klerus, dessen hauptsächliches Interesse darin bestand, den Status quo zu wahren, standen aufstrebende Feudalkräfte gegenüber, die mit ihren Höfen das gesellschaftliche Leben zunehmend prägten.

Ihnen galt die Förderung der Wissenschaft als Teil einer Strategie der Statuserhöhung. Dazu war es keineswegs notwendig, dass der Förderer die Gedanken und Theorien des Geförderten verstand (oder gar teilte). Waren die neuen Ideen umstritten, versprach der damit verbundene Wirbel einen Gewinn an Ansehen und Einfluss für ihren Förderer. Galilei wurde mit 46 Jahren zum Hofmathematiker des Großherzogs der Toskana, Cosimos II. de’ Medici, ernannt und konnte sich dadurch ohne Lehrverpflichtung seinen Forschungen widmen – ein Luxus, von dem heutige Professoren nur träumen können.

Als Teil des höfischen Forschungsalltags waren damals philosophische Schaudispute beliebt, an denen sich auch die Kirche durchaus beteiligte. Zwar ging es häufig gar nicht um empirische Wahrheiten, sondern um Kompetenzgerangel und Fächergrenzen – so stritt man zum Beispiel ausgiebig über die Frage, ob denn Himmelsphänomene nun Sache der Philosophie, der Theologie oder der Mathematik seien. Unter dem Strich war der Gewinn für die Naturwissenschaften allerdings groß: Als dringend benötigter Schiedsrichter zwischen den vorgetragenen Positionen ging aus den Debatten die empirische Überprüfung der Theorien, das Experiment hervor. Damit wurde die höfische Kultur zur Keimzelle des modernen Wissenschaftsbetriebs.

Galileo Galilei wusste die höfischen Eitelkeiten denn auch bestens zu nutzen. Er widmete die von ihm entdeckten Jupitermonde als Mediceische Gestirne seinen Gönnern. Die vier Himmelskörper wurden, wie Galilei-Biograf Mario Biagoli zu berichten weiß, "... in Sonetten besungen, in Theatermaschinen und Opern dargestellt und auf Medaillen und Wandgemälden abgebildet, um die göttliche Abstammung des Hauses Medici zu verherrlichen".

Heutzutage dürfen Naturwissenschaftler schon froh sein, wenn ihre Entdeckungen einmal nicht im Zusammenhang mit einer Katastrophe Erwähnung finden oder als Grundlage düster-dystopischer Zukunftsvisionen herhalten müssen. Dabei würden ohne Quantenphysik keine Smartphones funktionieren, ohne organische Chemie keine Autos fahren und ohne moderne Medikamente immer noch Pest und Cholera drohen. Wir brauchen die Naturwissenschaften als Grundlage für unseren Lebensstil – aber eigentlich wollen wir nichts mehr mit ihnen zu tun haben. Als notwendiger Bestandteil der Allgemeinbildung gelten sie schon lange nicht mehr.