Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Ich liebe die Eisenbahn. Ich sammle mit meiner Bahncard fleißig Punkte, ich glaube, die heißen "Bahn Bonus". Vor Wochen wollte ich gucken, wie viele Punkte ich inzwischen habe und was ich damit machen kann. Ich wollte einfach nur gucken. Aber ich bin nicht auf die Internetseite gekommen, weil ich mein Passwort vergessen hatte. Ich vergesse dauernd Passwörter, normalerweise kriegt man dann immer von der jeweiligen Firma ein neues Passwort per Mail zugeschickt. Bei der Bahn muss man die Zusendung einer PIN beantragen. Die wird von der Post ins Haus gebracht.

Jetzt wollte ich etwas Verrücktes tun, ich wollte eine Bahncard 100 kaufen. Warum nicht? Ich fahre oft Eisenbahn. Außerdem dachte ich, dass ich beim Carsharing der Deutschen Bahn mitmache. Ich liebe auch die Umwelt. Man muss dann einen handschriftlichen Antrag auf Bahncard 100 mit Carsharing stellen, sechs Seiten, ich glaube, es ist ähnlich unkompliziert wie der Antrag auf Einbürgerung einer Hauskatze aus Tollwutgebieten.

Man kann zum Beispiel nur per Lastschriftverfahren bezahlen, nicht mit der Kreditkarte. Man darf aber andererseits nur dann per Lastschriftverfahren bezahlen, wenn man bereits ein registrierter Kunde ist mit irgendeiner Nummer. Der Kundennummer. Ich wusste nicht, dass es so was überhaupt gibt. Meine Kundennummer steht vermutlich auf der Internetseite, auf die ich nicht komme. Aber ich hatte ja die PIN. Ich habe also die Seite der Bahn aufgerufen und habe "Neues Passwort zusenden" angeklickt.

Dann ging ein Fenster auf. Die Bahn sagte, dass sie mir ein neues Passwort nur dann zusendet, wenn ich meine Kundennummer eingebe. Das war ja genau die Nummer, die ich gerne im Internet gefunden hätte. Ich habe meine PIN eingetippt, die sie mir extra mit der Post nach Hause geschickt haben, aber das hat sie überhaupt nicht interessiert, diese PIN war gut für gar nichts. Ich hatte die streng geheime PIN, ich wusste meinen Benutzernamen, ich hatte meine aktuelle Bahncard-Nummer und sogar meine Geburtsurkunde, aber das war immer noch nicht genug. Es war eine ausweglose Situation, wie in der klassischen Tragödie.

Da stand auch, dass man bei Problemen die Servicenummer anrufen darf. Man muss ein Pfiffikus sein, um diese Servicenummer zu finden. Ich habe angerufen. Ein Mitarbeiter der Bahn hob nach einer Weile ab. Ich sagte, dass es in Deutschland tausendmal einfacher ist, beim Internetbanking für 10.000 Euro philippinische Eisenbahnaktien zu kaufen oder bei Zalando 500 Paar Ballettschuhe als bei der Bahn die Bahncard 100. Ich war kritisch, ein bisschen unzufrieden vielleicht sogar, zugegeben. Aber ich schwöre, bei meinem Schöpfer, dass ich nicht unsachlich war. Ich sagte, ich bin vielleicht nicht so fit im Internet wie Edward Snowden, aber deswegen muss ich doch trotzdem Eisenbahn fahren dürfen. Natürlich kann auch sachliche Kritik ärgerlich sein, das weiß ich aus eigener Erfahrung.

Der Bahnmitarbeiter sagte: "Du Arschloch", und legte auf. Da habe ich ein zweites Mal angerufen. Ein anderer Mitarbeiter hob ab. Ich sagte, ich bin ein Arschloch, will die Bahncard 100 kaufen und hätte gern meine Kundennummer. Jedes Arschloch muss bei der Bahn doch wohl ordentlich nummeriert werden, oder? Da hat er auch aufgelegt. Ich will eine Bahncard 100 kaufen, mehr will ich doch gar nicht. Ich will doch nichts Böses.

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