DIE ZEIT: Herr Lanier, Sie sind ein Gegner der Umsonstkultur im Netz. Wir sprechen heute über Skype miteinander, ohne etwas zu bezahlen. Ist Skype eine gute oder eine schlechte Erfindung?

Jaron Lanier: Wir sind durch einen riesigen Ozean voneinander getrennt und können trotzdem miteinander reden, das ist erst mal ein Fortschritt. Was eine Technologie aber gut oder schlecht macht, ist die Frage der Macht: Liegt sie beim Nutzer oder bei jemand anderem? Bei Skype findet sich wenig Werbung, und es gibt auch die Möglichkeit, für Dienste zu zahlen. Das ist gut für den Nutzer. Aber wenn jemand anders von meinen Nutzerdaten profitiert, dann ist es eine schlechte Erfindung.

ZEIT: Netzfirmen sind alle mit ähnlichem Erfolgsrezept groß geworden: Sie bieten ihre Dienste gratis an und machen Geld durch Werbung und das Auswerten der Nutzerdaten. Was ist das Problem?

Lanier: Das größte Problem für unsere Gesellschaft sind nicht die Daten selbst, das größte Problem sind die Arbeitsplätze, die durch die technische Revolution wegrationalisiert werden. Mit 3-D-Druckern und der Hochtechnisierung in Betrieben treten wir wahrscheinlich in ein Zeitalter der Hyperarbeitslosigkeit ein. Schauen Sie sich an, wie sich beispielsweise der Fotomarkt entwickelt hat: Die Firma Kodak hatte in den USA einst hunderttausend Angestellte, beim Netzfotodienst Instagram arbeiteten 13 Leute, als Facebook ihn 2012 kaufte. Das Gleiche passiert in der Musikindustrie, im Journalismus, auf dem Buchmarkt. So, wie sich die Digitalisierung bislang entwickelt hat, zerstört sie die Mittelschicht unserer Gesellschaft.

ZEIT: Da würden Ihnen viele widersprechen. Interneteuphoriker vertreten die These des "Long Tail": Das Netz sei der Ort, an dem Bücher, Musik, Filme über Jahre weiterverkauft werden könnten, ohne Lagerkosten, zum Vorteil der Kreativen.

Lanier: Das habe ich auch mal geglaubt. Die Idee kam sogar von mir. Mein Nachbar Chris Anderson, der Ex-Chef vom Magazin Wired, hat sie dann groß gemacht. Ich mag den Gedanken weiterhin, aber wenn ich mir angucke, wie es wirklich läuft, dann muss ich sagen, dass der Long Tail gescheitert ist. Es ist wie bei einer Katze, die keinen Schwanz hat, komplett abgeschnitten. Niemand profitiert wirklich davon, dass im Netz Inhalte leichter und länger zugänglich sind. Daraus müssen wir jetzt lernen.

ZEIT: Wie?

Lanier: Wir brauchen neue Ideen. Ich habe in meinem Buch Wem gehört die Zukunft? eine skizziert. Wir könnten ein weltweites Mikrobezahlsystem aufbauen, von dem nicht nur die wenigen großen Firmen profitieren, sondern jeder Nutzer, der wertvolle Inhalte bietet. Denn das ist doch die eigentliche Krux: Facebook, Google, Twitter leben nur von ihren Nutzern, die Nutzer profitieren aber nicht.

ZEIT: Natürlich profitieren die Nutzer, sie haben einen tollen Dienst und zahlen nichts dafür.

Lanier: Richtig, aber sie werden entmündigt, sie haben keine Macht. Indem sie die Dienste nutzen, werden sie zur Datenmasse und verlieren die Kontrolle. Die großen Firmen verdienen wahnsinnig viel Geld, der Einzelne geht leer aus.