Jean-Claude Juncker © Nicolas Bouvy/dpa

Dass Jean-Claude Juncker nicht einfach so verschwinden würde, konnte man ahnen. Die Wähler hatten ihn als luxemburgischen Ministerpräsidenten kaum abgewählt, da heftete ihm Angela Merkel in Meseberg das Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an die Brust. Ausdrücklich mit dem Hinweis, er möge die Auszeichnung nicht nur als Anerkennung für vergangene Leistungen verstehen, sondern "auch als Motivation, Europa nicht zu vergessen". Komisch, dachte man, so freundlich war Merkel dem Kollegen aus dem Großherzogtum lange nicht begegnet.

Juncker revanchierte sich ein paar Wochen später, zum Jahreswechsel, mit einer Lobrede, wie man sie sonst nur noch im nordkoreanischen Staatsfernsehen hört. Eine "begnadete Erzählerin" sei die Kanzlerin, eine europäische Überzeugungstäterin, die in der EU kollegial die Verantwortung teile und auch den "sogenannten kleinen Mitgliedsstaaten" stets mit Respekt begegne. "Richtig und gut ist, dass Angela Merkel Deutschland und Europa führt", schrieb Juncker im Handelsblatt. Aha, dachte man, er will tatsächlich noch was werden.

Anfang März könnte es so weit sein. Dann kürt die Europäische Volkspartei (EVP), zu der auch CDU und CSU gehören, in Dublin ihren gemeinsamen Spitzenkandidaten für die Europawahl. Und vieles deutet darauf hin, dass dieser Kandidat Jean-Claude Juncker heißen wird. Der Mann, der gerade erst abgetreten war, stünde damit vor einem spektakulären Comeback. Denn als Spitzenkandidat wäre Juncker zugleich der erste Anwärter der EVP für das wichtigste Amt, das die Europäische Union zu vergeben hat und das im Herbst neu besetzt werden muss: die Spitze der EU-Kommission.

Juncker, der zerknautschte Melancholiker, ein Mann für morgen? In Brüssel üben die Christdemokraten bereits die Grußadressen: Der große Europäer aus dem kleinen Luxemburg, der Brückenbauer und Vermittler, ein Konservativer mit Herz, der in vier Sprachen Wahlkampf führen kann und im deutschen Frühstücksfernsehen fast so häufig aufgetreten ist wie Wolfgang Bosbach – je häufiger die Phrasen wiederholt werden, desto unausweichlicher erscheint seine Kandidatur. Aber vielleicht versuchen die Konservativen auch nur, die eigenen Zweifel zu vertreiben.

Schaut man genauer hin, ist eine Kandidatur Junckers alles andere als zwangsläufig. Sie wirkt, im Gegenteil, auf eine verzweifelte Art rückwärtsgewandt – wie ein Zitat aus einer Zeit, in der die EU noch überschaubar war und Europa ein Versprechen zu sein schien. Man kann es auch anders formulieren: Juncker ist eindeutig der falsche Kandidat, um die EU in den nächsten Jahren zu führen.

Jean-Claude Juncker wird in diesem Jahr 60, aber es ist nicht der Jahrgang, der ihn als Politiker alt erscheinen lässt. Seine erste EU-Ratssitzung hat er 1985 geleitet, damals war er in Luxemburg Arbeitsminister. Als er zehn Jahre später Ministerpräsident wurde, regierte in Deutschland noch Helmut Kohl. Aus seiner Bewunderung für die Alten hat Juncker nie einen Hehl gemacht. Von Kohl und seinem Luxemburger Vorvorgänger Pierre Werner hat er sich abgeschaut, wie man in Europa Politik macht. Von ihnen hat er die Überzeugung geerbt, dass die Integration immer weitergehen muss. Aber die EU von heute ist nicht mehr dieselbe wie früher. Die Krise und die vergangenen Erweiterungen haben die europäische Politik fundamental verändert.