Kennt jemand jemanden, der Johann Sebastian Bach nicht kennt? Überall werden seine Werke aufgeführt. In Kleinzschocher, Tokio, New York. Reichlich 1.100 Kantaten, Präludien, Messen hinterließ er. Was muss der Mann produktiv gewesen sein! Dachte man bislang.

Jetzt stellt sich heraus: In Wirklichkeit sollten wir Bach, diesen großen Eisenach-Leipziger Komponisten, wohl als eine Art frühen Erfinder des Sabbaticals, der Auszeit, betrachten. Als denjenigen, der sich die Pause vom Berufsleben selbst genehmigte. Als einen der frühesten Aussteiger der Kulturgeschichte.

Ein ganzes Jahrzehnt Ferien von seiner Arbeit als Thomaskantor soll Bach sich gegönnt haben. Jedenfalls kommen die äußerst fleißigen Forscher vom Leipziger Bach-Archiv zu diesem Schluss. Und gleich fragt man sich, wie man sich das vorzustellen hat: Bach, der große Johann Sebastian, mit Sonnenbrille und Bademantel am See?

Na ja. Als Thomaskantor, das wussten die Wissenschaftler schon länger, hatte Bach seit 1723 einen Vertrag auf Lebenszeit. Knapp 20 Jahre lang erfüllte er den wohl auch überaus engagiert. Ein Ruhestand war in Bachs Arbeitsvertrag nicht vorgesehen. Ein Sabbatical freilich erst recht nicht. Der Kantor hätte komponieren sollen bis zum Tode. Schon länger ist aber auch bekannt, dass er sich im Clinch mit den Stadtoberen über seine Arbeitsbedingungen befand.

Eine Frage trieb Bach-Forscher wie den Leipziger Musikwissenschaftler Michael Maul in letzter Zeit um: Warum existieren, was Bachs Schaffen nach 1740 angeht, kaum gesicherte Informationen? Es sind von diesem Jahr an keinerlei Neukompositionen von Kirchenmusik aus Bachs Feder erhalten. Es sind überdies, in den zehn Jahren nach 1740, lediglich drei Wiederaufführungen seiner älteren Werke verbürgt. Ein Witz, wenn man bedenkt, dass der Maestro allein zwischen 1723 und 1728 fast wöchentlich neue Kantaten komponiert und aufgeführt hat, zudem die Johannes-Passion und die Matthäus-Passion.

Der moderne Mensch weiß wenig über einen der bedeutendsten Komponisten aller Zeiten. Peter Wollny, seit Jahresbeginn Direktor des Bach-Archivs, hatte vor Monaten in der ZEIT über Bachs Unlust an privaten Aufzeichnungen geklagt: "Von den großen klassischen Komponisten ist Bach der einzige, über den man eigentlich gar nichts weiß. Bei Bach gibt es weder Tagebücher noch irgendeine Form der Familienkorrespondenz, nichts." Bachs Nachlass selbst hilft also wenig, wenn man eine Antwort sucht auf die große Frage: Was um alles in der Welt ist mit Bachs kirchenmusikalischen Kompositionen der 1740er Jahre geschehen?

Bislang hielt die Wissenschaft vieles, was Bach in der Zeit geschaffen hat, für verschollen. Jetzt stellt sich heraus: Bach hat diese Werke offenbar "schlichtweg nicht komponiert", wie es Bach-Forscher Maul sagt. Der Meister hat sich eine Schaffenspause gegönnt. Die Freizeit, sie scheint seine wichtigste Passion geworden zu sein.

Seit Jahren durchforschen die Leipziger Wissenschaftler die Archive der Welt auf der Suche nach dem privaten Bach; werten vor allem Aufzeichnungen seiner einstigen Schüler aus. Im vergangenen Juli ist Michael Maul im Pfarrarchiv der Stadt Döbeln nun auf ein Schreiben des Thomaners und Bach-Schülers Gottfried Benjamin Fleckeisen gestoßen. Fleckeisen behauptet, er habe als Student "an Statt des Capellmeisters zwey ganze Jahre" die Musik an den beiden Leipziger Hauptkirchen, der Thomas- und der Nikolaikirche, "aufführen und dirigieren müssen" – und dies "ohne Ruhm zumelden allezeit mit Ehren bestanden". Damit, sagt Maul, sei es wahrscheinlicher denn je, dass Bach zwischen 1744 und 1746 seine Arbeit nicht gemacht habe.