Für die Bach-Forschung ist das ein Schock: War der Kantor so frustriert wegen des Dauerstreits mit der Stadt, fragt Maul, dass er beschloss, "die Komponierfeder nicht mehr für die Kirchenmusik mit Tinte zu benetzen"? Schon 1730 klagte Bach, er lebe "fast in stetem Verdruß, Neid und Verfolgung". Es sieht danach aus, als habe Bach sich von 1740 an weitgehend von seinen Aufgaben als Kantor und Leiter der Kirchenmusik zurückgezogen. Selbst wenn dies die Tätigkeit war, für die er von der Stadt bezahlt wurde. Eine Krankheit, weiß Maul, kann nicht ausschlaggebend für dieses lange Sabbatical gewesen sein. Nein, Bach genoss das Leben. Er reiste ungewöhnlich viel und ausgiebig, mehrmals etwa nach Dresden und Berlin. Die Einladung von Friedrich dem Großen 1747 nach Potsdam nahm Bach, seit 1736 "kurfürstlich-sächsischer Hof-Compositeur", gerne an und sorgte damit für Ärger am Dresdner Hof. Später komponierte er Friedrich zu Ehren das Musikalische Opfer. In der Vorrede lobte er den Preußenkönig für dessen Kriegskünste überschwänglich. Dresden war düpiert.

Zu sagen, dass Bach nach 1740 den lieben Gott einen guten Mann sein ließ, trifft es nicht ganz. Er gab sich wohl nicht nur dem Müßiggang hin. Es war eher so: Er setzte eigene Prioritäten. Er komponierte später wieder – wenn auch nicht im Rahmen seiner Anstellung. Er überarbeitete Die Kunst der Fuge, publizierte den zweiten Teil des Wohltemperierten Klaviers und die Goldberg-Variationen. Wohl im Dezember 1749 vollendete er die h-Moll-Messe, "das größte Kunstwerk, das die Welt je gesehen hat", wie ein Forscher im 19. Jahrhundert begeistert notierte.

Aber die Leipziger Ratsherren verprellte Bach mehr und mehr mit seiner beruflichen Tatenlosigkeit. Sie zweifelten schon seit den 1730er Jahren an Bachs Arbeitsmoral und Disziplin. Er sei "unfleißig", "incorrigibel", "widerspenstig", würde in der Schule "nichts tun". Noch nicht einmal den Gesangsunterricht halte er regelmäßig. Bach wiederum lästerte über die "wunderliche un der Music wenig ergebene Obrigkeit", die sich ohne jeglichen musikalischen Sachverstand in die Schulpolitik einmischte. Als Bach 1750 starb, hatte die Stadt schon längst nach einem Nachfolger gesucht. Bereits Mitte 1749 wurde ein Vorspiel für Nachfolger veranstaltet. Dieses sei "mit allergrößtem Applausu" unter den Augen der meisten (wenigstens nicht aller) Ratsherren abgelegt worden. Ein solches "vorzeitiges Probespiel" hat es in der Geschichte des Thomaskantorats nie zuvor und nie wieder gegeben.

Unter Forschern wurde das lange als absolute Pietätlosigkeit angesehen. Vielleicht, sagen die Leipziger Bach-Forscher, müsse die Wissenschaft sich da etwas korrigieren.