Wilhelm II. (1859 - 1941) aufgenommen circa 1899 © Hulton Archive/Getty Images

Die meisten Deutschen vertrauen ihrem Kaiser blind: Als der Krieg ausbricht, glauben sie, dass Wilhelm II. die Lage fest im Griff hat. Und tatsächlich gibt der Monarch den Kurs vor. Am 31. Juli 1914 verkündet er vom Balkon seines Berliner Schlosses aus, dass man Deutschland "das Schwert in die Hand" gedrückt habe: Die Deutschen selbst seien die Angegriffenen. Einen Tag später unterzeichnet Wilhelm die Mobilmachungsorder, und vom 4. August an tritt er öffentlich nur noch in feldgrauer Uniform auf. Es ist Krieg, das soll man auch am Kaiser sehen. Mit starker Hand, so lautet die Botschaft der Uniform, führt er sein Volk in die Schlacht.

Doch das Bild täuscht. Als der Krieg beginnt, steht Wilhelm II. längst nicht mehr im Zentrum der Macht. Seit Jahren sinkt sein Einfluss auf die aktuellen Entscheidungen, Politiker und Militärs halten ihn aus der Tagespolitik weitgehend heraus. Daran ist er auch selbst schuld, denn er hat sich nicht gerade wie ein diplomatischer oder weitblickender Monarch aufgeführt. Wilhelm informiert sich selten, bevor er sich politisch zu Wort meldet. Seine unberechenbaren Interventionen beunruhigen Minister wie Reichskanzler gleichermaßen. Von den "Launen" des Kaisers ist die Rede, wenn er wieder einmal den absolutistischen Alleinherrscher gibt.

Auch die Militärs legen keinen Wert darauf, dass sich Wilhelm in ihre Belange einmischt. So gern dieser auch als "Oberster Kriegsherr" den Befehl über Armee und Marine übernehmen würde: Er ist dafür schlicht unqualifiziert. Nicht nur am notwendigen Überblick über die strategischen Planungen fehlt es dem Kaiser, er ist auch ein schlechter Taktiker. Allen voran zeigt sich Generalstabschef Helmuth von Moltke im Sommer 1914 nicht gewillt, Wilhelms Befehl in den konkreten militärischen Entscheidungen zu akzeptieren.

Pakt zwischen Kaiser und Militär

Wenn man so will, schließen Militärs und Kaiser unausgesprochen einen Pakt: Der Kaiser genehmigt zumeist anstandslos die Planungen des Generalstabschefs und erteilt ihm die Vollmacht, in seinem Namen Befehle zu erteilen. Im Gegenzug achtet die militärische Führung darauf, den Anschein der kaiserlichen Befehlsgewalt dem Volk gegenüber zu wahren. Als der Krieg beginnt, befindet sich der Monarch deshalb in einer eigentümlichen Lage: Er steht mitten im Geschehen und bleibt doch außen vor.

Bei Kriegsausbruch residiert er im Großen Hauptquartier, das zunächst in Koblenz, dann in Luxemburg und anschließend im französischen Charleville aufgeschlagen wird. Doch dort pflegt er eine "aktive Untätigkeit". Der Kaiser steht spät auf, unternimmt Spaziergänge und ungefährliche Frontbesuche, inspiziert dann und wann eine Kampfeinheit und lauscht dem täglichen Vortrag im Generalstab. Dabei wird er allerdings nur selektiv informiert. Weil seine Stimmungsschwankungen gefürchtet sind, hält man schlechte Nachrichten möglichst von ihm fern. Von laufenden operativen Maßnahmen erfährt er so gut wie gar nichts, damit er sie nicht stört. Der 55-Jährige soll geschont werden. Seine Psyche ist als labil bekannt, und die kaiserlichen Nerven sind von nationaler Bedeutung.

Dabei leidet er nicht als Einziger unter der enormen Anspannung. Auch andere in der Truppe sind gesundheitlich angeschlagen, darunter Moltke. Als dieser im September einen Nervenzusammenbruch erleidet und für die militärische Führung ausfällt, zeigt sich die verbliebene Entscheidungsmacht des Kaisers. Da er weiterhin das Recht hat, Offiziere und Beamte zu ernennen, entlässt er Moltke gegen dessen Willen. Zum Nachfolger ernennt er General Erich von Falkenhayn und setzt sich damit über die Wünsche vieler Militärs hinweg. Sein entschlossenes Handeln zeigt: Wenn Wilhelm in diesen Wochen ein "Gefangener seiner Generäle" ist, wie später vielfach beschrieben, so ist er es nur so weit, wie er selbst diese "Gefangenschaft" hinnimmt.

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Den meisten im Großen Hauptquartier ist der Kaiser dennoch lästig, einige schämen sich regelrecht für ihn. Am 30. August 1914, als Wilhelm mit Mitgliedern der militärischen Führung unterwegs ist, notiert Admiral Georg Alexander von Müller, Chef des Marine-Kabinetts, dass der Kaiser während der Bahnfahrt geradezu in einen erzählerischen Blutrausch verfallen sei: "Zwei Meter hohe Leichenhaufen – ein Unteroffizier hat mit 45 Patronen 27 Franzosen umgelegt", habe der Kaiser geprahlt. Müller selbst ist über Wilhelms Ausfall empört: "Entsetzlich! Moltke, der neben ihm saß, litt Qualen."

Ende Oktober immerhin blitzt bei dem Monarchen einmal kurz so etwas wie ein zufälliger Weitblick auf: "Es kommt uns niemand zu Hilfe", notiert ein Mitglied seiner Umgebung eine Äußerung des Kaisers. "Wir stehen ganz allein und müssen eben mit Anstand untergehen." Dazu fehlt es Wilhelm indes an Größe. Mit Anstand untergehen kann dieser Monarch nicht – 1918 flieht er wie ein Dieb in der Nacht ins niederländische Exil.