Für die größte Aufmerksamkeit bei den Pariser Haute-Couture-Schauen im Januar sorgten 64 Paar Schuhe. Turnschuhe – die die Models von Chanel trugen. Lagerfeld zeigte nicht nur, dass Spitze, Pailletten, Perlen und Pythonhaut durchaus zu Sportschuhen passen. Er zeigte auch einen neuen Gang. Die Frauen stöckelten nicht wie sonst, sie schritten.

Spätestens bei dieser Schau wurde klar, wie sehr sich der Turnschuh als Symbol verändert hat. Früher stand er für eine Haltung der Verweigerung. Als sich Mick Jagger am 12. Dezember 2003 von Prinz Charles im Buckingham-Palast zum Ritter schlagen ließ, trug er schwarze Turnschuhe als Zeichen dafür, dass er noch immer ein Rocker ist. Heute gehören Sneakers ganz selbstverständlich zum Erscheinungsbild.

Dabei stehen Sportschuhe nicht für die Abkehr von der Etikette. Sneakers werden nicht getragen, weil man weniger auf Äußerlichkeiten achten würde. Im Gegenteil: Man achtet noch mehr darauf. Das Thema Fitness hat im öffentlichen Bewusstsein einen nie da gewesenen Stellenwert erreicht. Physische und psychische Gesundheit, Krafttraining, Grünkohl-Shakes sind Teil eines Lebensstils geworden. Und das soll die Mode widerspiegeln. Das ganze Leben ist ein Trimm-dich-Pfad.

Davon konnte man nichts ahnen, als das amerikanische Unternehmen US Rubber im Jahr 1916 die ersten Sneakers, die Keds, in Massenfertigung auf den Markt brachte – zunächst als Kinderschuhe. Die Konkurrenz folgte auf Gummisohlen: Drei Jahre später kam der Converse All Star heraus.

Längst versuchen sich auch Musiker im Entwerfen von Turnschuhen. Das Modell, das Jay-Z vor elf Jahren für Reebok designt hat, war das am schnellsten ausverkaufte in der Geschichte des Hauses. Für adidas hat der US-Designer Rick Owens ein schwarz-weißes Nylon-Leder-Unisex-Modell geschaffen. Louis Vuitton und Hogan setzen auf High-Top-Turnschuhe mit integriertem Absatz, wie Isabel Marant sie populär gemacht hat. Klassische Sportmarken wie Nike und Asics bringen einen bunten Mix aus Knallfarben wie Giftgrün, Neonorange und Blau.

Natürlich sind Sneakers auch deshalb so beliebt, weil sie mit allem kombinierbar sind: Für den Wochenendausflug nach Pamplona taugen sie ebenso wie für den Großeinkauf im Supermarkt. Und seit Sneakers auch Teil der Abendgarderobe sein können, gibt es kaum noch einen Grund, das Schuhwerk zu wechseln.

Der Siegeszug der Turnschuhe ist auch ein Sieg der Bequemlichkeit. Im Gegensatz zu vielen Schuhdesignern, die sich wenig darum scheren, was ihre Produkte dem weiblichen Fuß antun, hat die Sportindustrie viel investiert, um ihre Modelle tragbar und belastbar zu gestalten.

Und so ist der unglaubliche Erfolg der Sneakers auch ein Zeichen dafür, dass Frauen immer weniger bereit sind, sich für die Mode zu opfern. Früher wurde noch mit gewissem Stolz darüber geklagt, wie sehr hochhackige Schuhe die Füße marterten. So als müsse es nun einmal so sein, dass Schuhe nicht nur den Kontostand, sondern auch die Füße der Frau ruinieren, die sie kauft. Mittlerweile setzt sich die Ansicht durch, dass die Mode der Kundin zu dienen hat – und nicht umgekehrt. Vielleicht die beste modische Einsicht der Saison: Es gibt genügend Dinge auf der Welt, die Schmerzen verursachen. Da muss man sich nicht auch noch Schuhe kaufen, die wehtun.