Falsche Tür? Das Büro eines Anbieters für Ökoenergie stellt man sich irgendwie anders vor: mit Postern von Wasserfällen an der Wand, mit "Atomkraft? Nein danke!"-Aufklebern. Bei Polarstern in München ist davon nichts zu sehen, stattdessen wähnt man sich eher in einer hippen Kreativagentur. Überdimensionale Glühbirnen beleuchten das Großraumbüro, junge Leute hocken an schicken Aluminium-Bildschirmen. Unter ihnen auch die Gründer des Unternehmens, Jakob Assmann, Simon Stadler und Florian Henle. Die drei Münchner Unternehmer, alle Anfang 30, wollen die Energiewende vorantreiben. Recht großspurig bezeichnen sie sich als "der nachhaltigste Energieversorger Deutschlands". Tatsächlich bieten sie ihren Kunden 100 Prozent Ökogas und Ökostrom – das hat in der Form sonst keiner. Mit jedem neuen Kunden unterstützt Polarstern außerdem ein Energieprojekt in einem Entwicklungsland. Als Unternehmer Geld verdienen und zugleich die Welt retten – kann das funktionieren?

Mit ihrer Geschäftsidee zählen die Jungs von Polarstern zu einer neuen Generation von Öko-Startups in Deutschland. Fast 14 Prozent aller Neugründungen sind mittlerweile "grün", errechneten Wissenschaftler des Borderstep Instituts in Berlin und der Universität Oldenburg. Die grünen Gründer glauben, mit unternehmerischem Handeln ökologische Probleme lösen zu können, vor allem in den Bereichen erneuerbare Energien und Ressourcenmanagement. Die Politik unterstützt das gern.

Dem Bundeswirtschaftsministerium gefiel auch der Businessplan von Polarstern, es förderte die drei Jungunternehmer im Sommer 2011 mit einem der begehrten Exist-Stipendien für Existenzgründer. Ökostromanbieter gebe es zwar viele, aber bei Polarstern sei die Verknüpfung von Ökostrom, Ökogas und Entwicklungshilfe innovativ, so die Begründung. Jakob Assmann erinnert sich an die ersten Monate voller Tatendrang, Euphorie und Optimismus: "Anfangs dachten wir: Die Welt hat auf unsere Idee gewartet, die Kunden werden Schlange stehen." Doch der grüne Weg zum Erfolg war holpriger als gedacht. Bis heute schreibt das Unternehmen keine schwarzen Zahlen. "Nachhaltiges Wirtschaften ist viel härter als traditionelles Wirtschaften", sagt Assmann. "Wir hatten nicht vermutet, dass es so lange dauert."

Verbraucher schenken der Finanzbranche mehr Vertrauen als den Energieanbietern

Wie schwierig das Geschäft mit der grünen Energie ist, zeigen auch Umfragewerte: Zwar halten 94 Prozent der Deutschen den Ausbau von erneuerbaren Energien für wichtig, aber nur knapp 19 Prozent der Haushalte beziehen selbst Ökostrom. "Zwischen Wort und Tat ist bei Verbrauchern oft eine große Kluft", sagt auch Polarstern-Gründer Florian Henle – und glaubt, die Gründe zu kennen: "Viele Menschen sind verunsichert wegen der vielen verschiedenen Anbieter am grünen Energiemarkt und den intransparenten Tarifen." Aber auch zwielichtige Geschäftsmodelle von grünen Konkurrenten haben das Misstrauen in die Branche geschürt. Die Insolvenz der Windkraftfirma Prokon mit ihren hohen Renditeversprechen und Pleiten wie jene des Discounters Flexstrom sorgen für Unruhe. Mittlerweile schenken Verbraucher sogar der Finanzbranche mehr Vertrauen als den Energieanbietern, zeigt der Vertrauensindex der Gesellschaft der PR-Agenturen Deutschlands (GPRA).

Polarstern will sich von den Konkurrenten abheben, transparenter, glaubwürdiger sein. Die Botschaft: Hier kümmern sich keine weltfremden Hardcore-Ökos um die Energieversorgung, sondern sympathisch-pragmatische Querdenker. Auf ihrer Homepage posieren die drei Geschäftsmänner bildschirmfüllend mit Karohemd, Hornbrille und hochgeschobenen Pulloverärmeln. Höchstpersönlich besuchen die Geschäftsführer die Wasserkraftwerke in Österreich, von denen sie ihren Ökostrom beziehen, und berichten in ihrem Blog darüber. Ihre Kunden sprechen sie vertraulich mit Du an. Durch geschickte Kooperationen versucht Polarstern sogar, das Thema erneuerbare Energien ein wenig aus der unattraktiven Ökoecke zu holen: Der Münchner Szene-Club Substanz etwa bezieht seit Kurzem Ökostrom von Polarstern – so werden erneuerbare Energien plötzlich zu einer Lifestyle-Frage.

Als Arbeitsmarktexperte im Wissenschaftsladen Bonn, einer Art Bürgerberatung, hat Krischan Ostenrath einen Überblick über die grüne Gründerszene. "Es gibt keinen Mangel an guten Ideen", sagt er, "aber viele grüne Existenzgründer unterschätzen die betriebswirtschaftlichen Herausforderungen." Denn wer die Welt retten will, müsse zuallererst etwas von ihren wirtschaftlichen Gesetzen verstehen. Grüne Gründer müssten Liquidität und Gesamtkapitalrendite mindestens genauso wichtig nehmen wie Idealismus und Prinzipientreue. Ostenrath rät jedem Existenzgründer, sich vor der Gründung intensiv mit den Märkten und der Nachfrage auseinanderzusetzen, etwa bei grünen Messen. Denn eines steht für ihn fest: "Diejenigen, die es geschafft haben, hatten immer auch einen vernünftigen Management-Plan."