Der Vorsitzende des Zentralrates der Sinti und Roma, Romani Rose ©  Horst Galuschka/dpa

Seit immer mehr Roma in deutsche Großstädte einwandern, ist der Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma ein gefragter Mann. Bürgermeister wollen von Romani Rose wissen, was sie tun sollen gegen Roma, die ihren Müll auf die Straße werfen. Lehrer fragen, wie sie eingewanderte Roma-Kinder vom Betteln abhalten und in die Schule kriegen sollen. Rentner, die dem "Enkeltrick" zum Opfer gefallen sind, bei dem Diebe sich als Not leidende Verwandte ausgeben, schreiben ihm Hasspost. In Talkshows soll Rose erklären, ob es etwas gibt, was "typisch Roma" sei, seit Städte wie Duisburg, Dortmund und Berlin Alarm schlagen. "Woher wissen Sie eigentlich, dass das Roma sind?", fragt Rose dann zurück, als wollte er sagen: "Warum ist das eigentlich mein Problem?"

Es wird derzeit viel über die Roma geredet – aber wenig mit ihnen. Die Neuankömmlinge aus Bulgarien, Rumänien oder Serbien haben keine Sprecher, die erklären könnten, wie sie sich selber sehen, und die ihnen erklären könnten, was die Deutschen von ihnen erwarten. Wer einem Elendsquartier mit Kälte, Hunger oder Demütigung zu entkommen sucht, hat für Identity Politics meist keine Zeit.

Und so fällt der Blick immer wieder auf den Zentralrat, auf Romani Rose und sein Heidelberger Zentrum. Er sitzt da im dritten Stock, eingerahmt von Schwarz-Weiß-Fotos seiner hart erkämpften Triumphe: im Zentrum die Aufnahme aus dem Bonner Kanzleramt vom 17. März 1982, als der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt endlich das Wort aussprach, auf das die Sinti und Roma vierzig Jahre lang gewartet hatten – Völkermord. Es sei Völkermord gewesen, was die Nazis an den "Zigeunern" begangen hätten, genau wie bei den Juden. Und dann der Höhepunkt, 2012, die Einweihung des Mahnmals, mit Bundeskanzlerin und Bundespräsident, mitten im Herzen Berlins. Das sind Romani Roses wichtigste Errungenschaften – aber gerade sie sind auch ein Problem. Ausgerechnet der Zentralrat, ausgerechnet Romani Rose verhindert auf tragische Weise auch, dass anderswo die Verständigung zwischen zugereisten Roma und der Mehrheitsgesellschaft gedeihen kann.

Um die Gleichsetzung als Opfer eines Völkermords – von Historikern immer wieder bestritten – kämpft Romani Rose, seit er denken kann. Schon seinen Vater, der nach dem Krieg gemeinsam mit Roses Onkel Vinzenz den "Verband rassisch Verfolgter nichtjüdischen Glaubens" gegründet hatte, leitete vor allem auch dieses Ziel. 13 Angehörige, darunter die Eltern Rose und Vinzenz Roses zweijähriges Kind, waren in Auschwitz und Ravensbrück ermordet worden. 1952 hatte die Bundesregierung mit jüdischen Repräsentanten und Israel ein Wiedergutmachungsabkommen ausgehandelt. Für Sinti und Roma lehnte der Bundesgerichtshof 1956 eine Entschädigung ab, es habe nie eine Vernichtung aus rassistischen Gründen gegeben. In der Urteilsbegründung hieß es: "Die Zigeuner neigen zur Kriminalität, besonders zu Diebstählen und zu Betrügereien. Es fehlen ihnen vielfach die sittlichen Antriebe zur Achtung vor fremdem Eigentum, weil ihnen wie primitiven Urmenschen ein ungehemmter Okkupationstrieb eigen ist."

Wenn man Romani Rose fragt, warum es 30 Jahre gedauert hat, bis die Vernichtung von Sinti und Roma anerkannt wurde, und weitere 30, bis sie ein Denkmal östlich des Reichstags bekamen, entworfen vom israelischen Künstler Dani Karavan, erlaubt er sich einen Hauch Sarkasmus. "Unser Volk konnte keinen solchen Druck aufbauen wie die Juden." Deshalb hat der Katholik Romani Rose mit einer kleinen Gruppe von Freunden an Ostern 1980 in Dachau einen Hungerstreik begonnen, der viel Aufmerksamkeit erzeugte. Er war damals ein Angry Young Man, den viele ältere Sinti fürchteten. Sie wollten kein Aufsehen, sie wollten still ihr Leben leben, in Ruhe gelassen werden.