Geheiligt hat sie ihr Tod, doch der Ruhm gebührt ihrem Leben. Gedacht wird der kommunistischen Märtyrerin, dabei ist sie eigentlich Sozialdemokratin gewesen. Unfassbar, aber wahr: Die Ahnmutter von Sigmar Gabriel und Manuela Schwesig heißt Rosa Luxemburg. Die traditionsstolze SPD verdrängt das nach Kräften – aus bösem Grund. 1914 geriet die Partei in den Strudel der nationalen Kriegseuphorie. Luxemburg blieb Internationalistin.

Rozalia Luxenburg, 1871 in Zamost in Russisch-Galizien geboren, war Polin ohne Patriotismus, Jüdin ohne Religion, Stimme des deutschen Proletariats. Sie verband Welten – als Pazifistin und Revolutionärin, als promovierte Juristin und Parteischul-Dozentin, als Geliebte und emanzipierte Frau. Sie hinkte, sie war klein von Gestalt und laut Lenin "eine Adlerin". Die Rednerin brachte Säle zum Kochen, die rastlose Publizistin schrieb im kühlen Licht der Analyse.

Eine Poetin begegnet uns in ihren innigen Gefängnisbriefen. Die Wolke vor dem Kerkerfenster, das flatternde Pfauenauge, das "Zizi bä" der Meisen empfindet sie als Offenbarung der Existenz. "Ich habe manchmal das Gefühl, ich bin kein richtiger Mensch, sondern auch irgendein Vogel oder ein anderes Tier in Menschengestalt", so schreibt sie am 2. Mai 1917 aus der Posener Festung Wronke an ihre Freundin Sonja Liebknecht, "innerlich fühle ich mich [...] im Feld unter Hummeln und Gras viel mehr in meiner Heimat als – auf einem Parteitag. [...] Sie wissen, ich werde trotzdem hoffentlich auf dem Posten sterben: in einer Straßenschlacht oder im Zuchthaus. Aber mein innerstes Ich gehört mehr meinen Kohlmeisen als den ›Genossen‹."

Fast die gesamte Kriegszeit verbringt Rosa Luxemburg in Gefängnissen. Inhaftiert ist sie wegen "versuchten Hoch- und Landesverrats", später als "Schutzhäftling". Draußen wird unermesslich gemordet und gestorben. Der Weltkrieg frisst nicht nur Millionen Menschen, er spaltet auch die deutsche Arbeiterbewegung. Klassenübergreifend gilt der Krieg als "Verjüngungsbad der Nation". Das gemeinsam vergossene Blut wasche Vorurteile weg und beseitige soziale Grenzen.

Die sozialdemokratische Reichstagsfraktion bewilligt die Kriegskredite – am 4. August 1914 einstimmig, am 2. Dezember mit einer Gegenstimme: der von Karl Liebknecht. Weitere Dissidenten formieren sich zur innerparteilichen Anti-Kriegs-Fraktion. Daraus entsteht 1917 die Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD). Die ultralinke Spartakusgruppe, 1916 von Liebknecht und Luxemburg gegründet, schließt sich ihr an.

Krieg und Frieden sind ein Lebensthema Luxemburgs. Sie entreißt dem Krieg die patriotische Vermummung und demaskiert ihn als entfesselten Kapitalismus: "Die Dividenden steigen, und die Proletarier fallen." Sie widersteht der verbürgerlichten deutschen Sozialdemokratie, die den Sozialismus durch Wahlen erringen will. Nicht Zuwachs, sondern Bekämpfung demokratischer Freiheit sei dem Kapitalismus wesenseigen. Luxemburg widerspricht aber auch Lenin und den russischen Bolschewiki, denen der Krieg kaltweg als Geburtshelfer der Revolution willkommen ist. Allerdings minimiere der Krieg die Freiheit unerträglich, bis "in der Gewitterluft der revolutionären Periode [...] jeder partielle kleine Konflikt zwischen Arbeit und Kapital zu einer allgemeinen Explosion auszuwachsen vermag". Das meint politischen Massenstreik, der in bewaffneten Aufstand münden soll.

Im Herbst 1918 kollabieren Reich und Monarchie. Luxemburg, aus der Haft entlassen, eilt nach Berlin. Ebert wird Kanzler. Er paktiert mit den Mächten von gestern. Am 30. Dezember trennt sich die Spartakusgruppe von der USPD und gründet die KPD, geführt von Liebknecht und Luxemburg. Am 5. Januar 1919 bricht der Spartakusaufstand aus. Er wird niedergeschlagen. Die Exekution der Erhebung befehligt der Sozialdemokrat Gustav Noske: "Einer muß der Bluthund werden, ich scheue die Verantwortung nicht."

Luxemburg und Liebknecht tauchen unter. Am Abend des 15. Januar fasst sie die Wilmersdorfer Bürgerwehr. Liebknecht wird misshandelt, sodann im Tiergarten erschossen. Luxemburg sitzt derweil im "Arbeitszimmer" des kommandierenden Hauptmanns Waldemar Papst. Sie liest in Goethes Faust, als man sie holt, zusammenschlägt und blutend in ein Auto wirft. Während der Fahrt schießt ihr der Leutnant zur See Hermann Souchon in den Kopf. Man wirft ihre Leiche in den Landwehrkanal. Gefunden wird sie erst am 31. Mai.

Hauptmann Papst starb 1970. Kurz zuvor offenbarte er täterstolz, für seine Mordentscheidung habe er telefonisch Noskes Zustimmung eingeholt.

Rosa Luxemburg ist keine bequeme Heldin. Als "letztes geschichtlich notwendiges Ziel" sah sie "die Diktatur des Proletariats". Das liest sich heute übel, mit unserem Wissen um Stalinismus, Gulag und totalitäre Despotie. Den real existierenden Sozialismus hat sie nicht erträumt, einen demokratisierten Kapitalismus nie erlebt. Lenins Kommandopartei "neuen Typus" kritisierte sie mit ihrem berühmten Satz, Freiheit sei immer die Freiheit des Andersdenkenden. Rosa Luxemburg verkörpert linken Charakter im Stande der Unschuld. Ihr Lebenskampf galt der Menschheitsbefreiung. Vielleicht kannte diese Hochgesinnte die Menschheit besser als die Menschen.