Es war eine Premiere wie in Hollywood. Ein ausverkauftes Kino, stolze Hauptdarsteller und auf der Leinwand ein rasanter Actionfilm. Anfang Februar lief Das Millionengrab das erste Mal vor Publikum, ein Film über den Kampf der Polizei gegen ein rücksichtsloses Verbrechersyndikat. In den Hauptrollen: 16 Schüler der Stadtteilschule Winterhude in Hamburg. Regie führte unter anderem Matthias Vogel. Der 35-jährige Filmemacher hat seit zwei Jahren einen neuen Job: Er ist Kulturagent.

Und damit Teil eines der größten Projekte für kulturelle Bildung an Schulen in den vergangenen Jahren. 20 Millionen Euro haben die Stiftung Mercator und die Kulturstiftung des Bundes 2011 für die Initiative "Kulturagenten für kreative Schulen" bereitgestellt. Mit dem Geld sollen Schulen vier Jahre lang künstlerische Projekte umsetzen können. Im thüringischen Dingelstädt machen 40 Schüler zum Beispiel mit einem Archäologen Ausgrabungen. In Erfurt hat eine Gesamtschule ein Zirkuszelt angemietet, die Schüler üben den Auftritt in der Manege. Und Matthias Vogel konnte zwei renommierte Kurzfilmregisseure an die Stadtteilschule Winterhude holen und eine professionelle technische Ausstattung für seinen Film zusammenstellen.

Drei Wochen lang drehte er mit den Regisseuren und Schülern auf einem alten Fabrikgelände, in einem Kongresszentrum und in Hochhaussiedlungen. Das Ergebnis kann sich sehen lassen: Es gibt Verfolgungsjagden, kaltblütige Auftragskiller, Angriffe mit Panzerfäusten und riesige Explosionen – Hollywood in Hamburg eben. "Wir haben alle klassischen Elemente eines Actionfilms eingebaut", sagt Vogel. Das Geld der Stiftungen hat es möglich gemacht.

Sie wollen, dass Schulen wieder mehr Kultur auf den Stundenplan setzen und dabei auch mal andere Formen ausprobieren als im klassischen Kunst- und Musikunterricht. "Nach den ersten Pisa-Tests gab es an vielen Schulen eine Konzentration auf die harten Kernfächer", sagt Winfried Kneip, der das Kompetenzzentrum Bildung der Stiftung Mercator leitet. Dabei sei kulturelle Bildung ebenso wichtig. So hat er zusammen mit der Kulturstiftung vor zwei Jahren 46 Kulturagenten eingestellt, meistens Künstler oder Kulturpädagogen, die bereits Erfahrung in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen haben. Anschließend wählten die Stiftungen 138 Schulen in fünf Bundesländern aus.

Jede Schule bekommt in den vier Jahren insgesamt rund 53.000 Euro und einen Kulturagenten zugeteilt. Der entscheidet, wofür das Geld ausgegeben wird, und muss dabei für jedes Projekt einen Antrag stellen. Nicht jedes ist dabei so spektakulär wie der Actionfilm von Matthias Vogel. Auch klassische Theaterkurse oder eine Malerei-AG werden durch das Kulturagenten-Programm gefördert. Denn an vielen Schulen fehlt sogar dafür das Geld.

So wie an der Gesamtschule Weierheide in Oberhausen. "Rund zehn Prozent der Eltern unserer Schüler hier bekommen Hartz IV", sagt Schulleiter Hermann Dietsch. "Viele Kinder wachsen in finanzieller Armut auf und kommen nur selten mit Kultur in Verbindung." Schon lange hätte Dietsch gerne einen Theaterkurs angeboten, doch er wusste nicht, wie er das bezahlen sollte. "An anderen Schulen gründet sich für so etwas eine Elterninitiative, die Geld sammelt", sagt der Theaterpädagoge Jens Niemeier. An der Gesamtschule Weierheide war das nicht möglich. Erst mit dem Geld aus dem Kulturagenten-Projekt konnte Schulleiter Dietsch unter anderem einen Theaterkurs und Tanzunterricht mit einem Profitänzer anbieten. Beides sogar über mehrere Jahre. "Über so einen langen Zeitraum kann ich ganz anders mit den Kindern arbeiten, als wenn ich nur ein paar Wochen komme", sagt Niemeier. Diese Arbeit zahlt sich aus. Ein 14-jähriger Schüler erzählt, dass der Theaterkurs sein absolutes Lieblingsfach sei. Hier habe er gelernt, wie man Körpersprache und Mimik einsetzen könne, um sich in Diskussionen durchzusetzen.

Den Kontakt zu Niemeier hat Anke Troschke hergestellt. Sie ist eine von drei Kulturagentinnen im Ruhrgebiet und für drei Schulen in Oberhausen zuständig. Troschke vermittelt den Schulen Künstler für die einzelnen Projekte, sie stellt Förderanträge und initiiert dann Kooperationen zwischen den Schulen und Kultureinrichtungen. "Am Anfang bin ich mit jedem, der hier etwas mit Kultur zu tun hatte, Kaffee trinken gegangen und habe besprochen, wie man Schulen und Kulturbetriebe zusammenbringen kann", sagt Troschke.

Die Künstler sollen aber nicht nur die Schüler für Kultur begeistern, sondern auch den Lehrern neue Ansätze zeigen. "Sie haben eine ganz andere Perspektive auf das Lehren, weil sie nicht so im Schulalltag stecken", sagt Michael Poetz, Musiklehrer und stellvertretender Schulleiter der Gesamtschule Weierheide. "Wir haben in der Ausbildung ja eher die klassischen Methoden gelernt."

Viele Schulministerien unterstützen daher das Projekt. "Die Künstlerinnen und Künstler tun den Schulen sehr gut und können den ganzen Lernprozess verändern", sagt etwa Sylvia Löhrmann, Schulministerin in Nordrhein-Westfalen. Ihr Ministerium hat den Schulen erlaubt, einen Lehrer für zwei Stunden pro Woche für das Projekt freizustellen. Außerdem zahlt das Land die Hälfte der Gehälter der Kulturagenten.

Manchmal kommt es durch die Ideen der Künstler allerdings auch zu Konflikten. In Hamburg beschwerten sich einige besorgte Eltern bei Matthias Vogel, nachdem sie den Trailer zu seinem Schüler-Actionfilm gesehen hatten. "Dass dort Kinder mit Waffen aufeinander schießen, fanden einige problematisch", sagt er. "Genau diese Debatten will ich aber mit solchen Projekten anstoßen." Actionfilme gehörten genauso zu Kultur wie die Zauberflöte, sagt Vogel. "Die Schüler können durch die Auseinandersetzung mit diesen Filmen viel lernen."

Und Alexander Farenholtz, Verwaltungsdirektor der Kulturstiftung des Bundes, sagt: "Wir wollen mit dem Projekt auch dafür sorgen, dass sich die Kulturinstitutionen neuen Formen öffnen." So sollen Museen und Theater wieder interessanter für Jugendliche werden. Denn den Stiftungen geht es bei dem Kulturagenten-Projekt auch darum, das Publikum von morgen zu gewinnen.

Deshalb soll die Zusammenarbeit zwischen Schulen und Kulturinstitutionen auch nach dem Ende des Projekts 2015 weitergehen. In Oberhausen hat Anke Troschke für ihre drei Schulen zahlreiche Kooperationsverträge mit Museen und Schauspielhäusern geschlossen. "Kultur soll ein fester Bestandteil des Schulunterrichts werden", sagt Winfried Kneip von der Stiftung Mercator.

Ob das klappt, ist allerdings noch fraglich. Wenn die Kulturagenten wieder weg sind und das Geld aufgebraucht ist, müssten Schulleiter die aufwendigen Kulturprojekte wieder selber organisieren und vor allem bezahlen. Das werde äußerst schwierig, sagt Hermann Dietsch von der Gesamtschule Weierheide. "Wir haben leider überhaupt kein Geld dafür."