Ich gehöre zu den Enttäuschten. Ich gehöre zu den 49,7 Prozent aller Schweizerinnen und Schweizer, die seit der erfolgreichen Abstimmung gegen Zuwanderung ihr Land nicht mehr verstanden: Wie konnte das passieren? Wie konnte eine Mehrheit meiner Miteidgenossen der Idee verfallen, ihr Land unter eine Käseglocke zu stellen?

Ich ärgerte mich gewaltig, als ich das Endresultat der Abstimmung erfuhr. Aber Ärger setzt Energie frei, Energie, um unser Land zu verändern. Die fehlenden 19 520 Stimmen schmerzen zwar, doch sind sie nicht viel.

Wir lassen uns unsere offene, moderne, international vernetzte Schweiz nicht nehmen! Wir holen uns diese Stimmen zurück – und zwar gemeinsam.

Im Abstimmungskampf war viel davon die Rede, man müsse die diffusen Ängste der Leute ernst nehmen. Junge Menschen meiner Generation plagt aber nun eine ganz konkrete Angst: Unser Lebensentwurf ist in Gefahr.

Bis zum letzten Sonntag lag uns die Welt zu Füßen. Wir hatten als erste Generation die Möglichkeit, irgendwo im europäischen Ausland zu studieren oder zu arbeiten. Wir waren aber auch die erste Generation, für die internationale Konkurrenz eine Selbstverständlichkeit war. Das war manchmal hart, aber schließlich ist es einerlei, ob mir ein besser qualifizierter Deutscher oder eine Schweizerin den Traumjob wegschnappt. Weh tut es so oder so. Trotzdem setzten wir uns diesem Wettbewerb gerne aus, wie übrigens auch Millionen anderer Europäer. Denn die Personenfreizügigkeit bietet neben Risiken unglaubliche Chancen: Wir können dorthin gehen, wo wir unsere Talente und Fähigkeiten am besten einsetzen können. Wir suchen unseren Erfolg dort, wo es uns gefällt – und wo man uns braucht.

Wir sind verärgert, wir sind enttäuscht – und wir sind kampfeslustig

Nun ist der Traum von der europaweiten Freiheit geplatzt. Das darf nicht sein. Wir müssen dieses Land umkrempeln.

So könnte das gehen.

Als Erstes muss sich die Politik in der Schweiz ändern. Sie muss dem Volk wieder Visionen vermitteln und ihm die Wege aufzeigen, welche die Schweiz in eine erfolgreiche Zukunft führen könnten. Und ihm klarmachen, was nötig ist, um die anstehenden Probleme zu lösen.

Dazu brauchen wir mehr Ehrlichkeit und Klartext. Populistische Versprechungen, wie sie die SVP-Initiative macht, sind brandgefährlich für einen Kleinstaat. Die Schweiz kann nur mit einer gut austarierten Interessenpolitik in einem wirtschaftlich schwierigen Umfeld überleben.

Die Politik muss den Schweizern klipp und klar darlegen, welche Konsequenzen die internationale Vernetzung des Landes in unserem Alltag hat.

Die totale Souveränität ist eine ideologische Illusion. Sie führt in die Isolation.

Fehler machten alle Parteien. Die Linke nahm die Personenfreizügigkeit in Geiselhaft, um ihre Politik mittels der flankierenden Maßnahmen durchdrücken zu können. Die grünen Wachstumskritiker schlossen eine unheiligen Allianz mit nationalkonservativen Ideologen. Die sogenannten liberalen Parteien engagierten sich ihrerseits nie für eine wirklich liberale Migrationspolitik, sondern gaben den Bürgern stets das Gefühl, die Zuwanderung sei ein notwendiges Übel, um die bilateralen Verträge nicht zu gefährden.

Und alle wiederholten sie das Mantra von der "Sicherung des bilateralen Königswegs" und verweigerten sich einer Grundsatzdebatte über die zukünftige Europa- und Migrationspolitik.