Das dumpfe Rattern, während der Anker gelichtet wird und die Kette Meter für Meter im Bug versinkt: als würde man an den Haaren aus dem Schlaf gezogen. Mein Bett kippt langsam auf die Seite. Hält inne, kippt auf die andere. Die Sea Pearl ächzt, als unterdrücke sie ein Gähnen. Ihr Motor tuckert bereits erwartungsfroh, wie jeden Morgen. Dabei ist gleich schon alles vorbei.

Einmal noch den schwankenden Gang entlang, ohne mich an der Wand abzustützen, über die eng gewundene Treppe, auf der ich nicht mehr stolpere, hoch in den Salon und durch die niedrige Tür, an deren Rahmen ich mir seit Tagen nicht mehr den Kopf gestoßen habe. Raus aus dem klimatisierten Innen, rein in die tropische Morgenluft. Wir liegen vor Mahé, in der Bucht von Victoria, mit 25.000 Einwohnern die einzige Stadt und daher zwangsläufig Hauptstadt der Seychellen. Gestern glitzerten die Lichterketten ihrer Hafenrestaurants so unglaublich einladend, überstrahlt nur von dem massigen Palast, der hell erleuchtet im Nachthimmel hing. Jetzt ist der Gipfel des Morne Seychellois, auf dem der Emir von Abu Dhabi einen Platz für sein Ferienhaus gefunden hat, unter dicken Wolken verschwunden.

Shawn, einer der beiden deckhands, guckt sagenhaft missmutig. Migräne, sagt er, und schiebt sich die Locken aus dem Gesicht. Trotzdem raucht er schon vor Sonnenaufgang eine Zigarette. Er hat keine Lust, nach Hause in die Stadt zu kommen. "Zu viele Autos. Zu viele Menschen."

Die Republik Seychellen hat nur halb so viel Landmasse vorzuweisen wie Berlin, jedoch ist diese großzügig im Indischen Ozean verstreut, in 115 kleinen Brocken. Richtig bewohnt sind nur drei davon, neben der Hauptinsel Mahé noch Praslin und La Digue, dort gibt es Busse, Apotheken, Schulen, Hotels, und zwischen ihnen verkehren Fähren. Will man auch abgelegenere Inseln sehen, braucht man, wenn einem der Hubschrauber zu teuer ist, ein Boot – was schließlich auch die angemessenste Art ist, einen Inselstaat zu erkunden. Bis zu den Outer Islands sind es mehrere Tagesreisen, von einer Fahrt dorthin rät das Auswärtige Amt allerdings ab, wegen der dort ansässigen Piraten. Weshalb die Boote der Silhouette Cruises seit Jahren nur noch im engeren Kreis unterwegs sind: zwischen den 32 Inner Islands. Unter ihnen gibt es solche, auf denen obszön geformte Früchte wachsen; Inseln, die nach Vanilletee riechen; kreisrunde Inseln, die dann "runde Inseln" heißen; Inseln, auf denen nur Schildkröten wohnen; und Inseln, die im Verdacht stehen, der biblisch-historische Garten Eden zu sein.

Der Hafen von Victoria rückt näher, Industrieschiffe mit spanischen Flaggen liegen da, etwas Fauliges weht heran. "Thunfischabfälle", sagt Shawn, und der 19-Jährige verzieht das Gesicht noch ein bisschen mehr. Vorn am Anleger steht, braun gebrannt, Amit Wasserberg. Wie vor einer Woche, als wir losfuhren. Wasserberg hat Ende der neunziger Jahre das kleine Segelkreuzfahrtunternehmen Silhouette Cruises gegründet, ihm gehören die Sea Pearl und drei weitere Boote. Jeden Samstag legen sie im Hafen von Victoria an und ab, und Amit Wasserberg ist da, um den Gästen von Bord zu helfen und neue auf den Törn zu schicken.

Samstag vor einer Woche also. Wir sind zwölf Passagiere: fünf Ehepaare aus Deutschland, Daniel aus Alaska, der jeden Winter vier Monate freinimmt, um sie auf der wärmeren Erdhälfte zu verbringen, und ich. Unsere T-Shirts verraten Weltgewandtheit (Victoria Falls, Pohnpei, Scharm al-Scheich, Sparkasse Niedersachsen), unsere Hartschalenkoffer, dass wir die Welt nicht in erster Linie mit dem Boot bereisen. Wir bestaunen die zwei modernen Jachten, daneben die beiden niederländischen Schoner: die Sea Shell und die Sea Pearl . Wie kommt man als Tel Aviver dazu, auf den Seychellen ein Segelkreuzfahrtunternehmen zu gründen? Amit Wasserberg lacht knapp. "Alles dank Saddam." Der zweite Golfkrieg hat ihn aus dem Roten Meer vertrieben, wo er als Skipper auf Tauchtörns arbeitete. Sein Chef schickte ihn zum nächsten aufstrebenden Ferienparadies, dem Touristengeld hinterher. Wasserberg, damals Ende zwanzig, fand es schön hier auf den Inseln, blieb und kaufte nach und nach die vier Boote.

"Nächstes Jahr wird sie 100", sagt Amit Wasserberg stolz über die Sea Pearl, die geduldig in den Leinen liegt, während die Crew das Deck schrubbt, die Tiefkühltruhen bestückt und Biervorräte auffüllt. Ursprünglich hieß sie Dirk und fischte Jahrzehnte in der Nordsee. Im hohen Alter wurde sie für die Passagierfahrt umgebaut. Hübsch ist sie herausgeputzt, der weiß-blaue Rumpf gerade erst von Algen befreit, hölzerne Umlenkrollen hängen in den Fallen wie kostbarer Haarschmuck, am hinteren Mast baumelt ein Bund grünlicher Bananen. Mitte der Woche werden sie reif sein.