Ich hatte mich für einen passablen Skifahrer gehalten, bis ich mit Martin unterwegs war, einem Schweizer, der am Rande einer Skipiste groß geworden ist. "Du nutzt die Carvingski gar nicht", sagte er, nachdem er mich hatte fahren sehen. "Du fährst, als seist du mit der Zeitmaschine direkt aus den Achtzigern gekommen." Ich, nicht die coole Nummer, als die ich mich immer gefühlt hatte, sondern ein Pistenclown? Das saß. Ich war frustriert. Aber nach dem ersten Schreck wollte ich mir doch noch eine Chance geben, ein Skifahrer von heute zu werden: in der ältesten und größten Skischule der Schweiz, in St. Moritz.

Man gibt mir den erfahrensten Coach, Jean-Pierre, der schon 62 Saisons als Skilehrer gearbeitet hat – im Winter in den Alpen, während des europäischen Sommers in Australien und in Neuseeland. Jean-Pierre ist 62, sieht aber aus wie Mitte 40, er lacht viel und spitzbübisch, dann sieht man im Mund ein paar Goldkronen glänzen. Er spricht Deutsch mit französischem Akzent, denn ursprünglich kommt er aus dem Jura. Wenn er vom Lift aus Snowboarder sieht, knurrt er manchmal "Was für ein Haufen Verlierer" oder "No brain, no pain" – kein Gehirn, kein Schmerz. Gut, dass ich weiter Ski fahren will, meint er. Denn das sei das Beste auf Erden. Ich spüre seine Leidenschaft und merke schon bei der ersten Fahrt nach oben, hinein ins sonnenglänzende Skigebiet Corviglia, dass es nicht einfach sein wird, seinen Ansprüchen zu genügen. Er zeigt auf Skifahrer, die meiner Ansicht nach ziemlich gut sind, und sagt: "Schau, die fahren nicht, sie rutschen – die meisten machen das." Ich habe Angst davor, wie er meinen Stil kommentieren wird.

Lektion 1: Ski auseinander!

Ein flacher Hang, hinter uns ragen die schroffen Felsnasen von Piz Glüna und Piz Corviglia, beide über 3000 Meter hoch, in den Himmel, aber für landschaftliche Schönheit ist jetzt keine Zeit. Jean-Pierre fährt vor und wartet unten, um mich von dort aus beobachten zu können. Dann schwinge ich unter seinen Blicken dem Tal entgegen. Als ich unten angekommen bin, wiegt er mit dem Kopf hin und her und sagt: "Du fährst sehr eng." Das stimmt, bei mir passt zwischen die beiden Skischuhe kaum ein Blatt Papier. "Das macht man heute nicht mehr!" – "Warum nicht? Das ist doch elegant!", protestiere ich. "Kein Mensch geht mit den Füßen derart dicht beieinander – weil man dann keine Stabilität hat. Beim Skifahren ist es genauso." Er empfiehlt deshalb, die Füße schulterbreit auseinander zu halten. Ich will nicht. Jean-Pierre sagt: "Schau dir die Rennfahrer an – keiner hält die Ski eng beieinander, weil man dann nicht richtig auf der Kante stehen kann und umfällt." Er hat recht, ich habe schließlich auch schon Skirennen gesehen. Ich stimme widerwillig zu, es auszuprobieren.

Er fährt wieder vor, wartet 50 Meter weiter, ich hinterher – anscheinend mit genauso enger Skiführung wie zuvor. Jean-Pierre schüttelt den Kopf und greift zu rabiateren Methoden – "Cowboy-Skifahren" nennt er es. "Du stellst dir vor, du sitzt auf einem Pferd, während du zu Tal schwingst", sagt er. Ich stelle meine Füße also so weit auseinander wie irgend möglich und fahre los. "Deine Beine sind schon wieder zu eng beieinander, dein Pferd ist viel zu dünn!", ruft Jean-Pierre. "Stell dir vor, du hast einen richtig fetten Gaul!" Mir scheint es kaum möglich, die Ski noch weiter auseinander zu nehmen, aber ich versuche es. Mit dem Ergebnis, dass ich jetzt fahre wie ein Anfänger, breite Skiführung, Rücklage, keine Kontrolle, grottenschlecht. Ich weiß gar nicht mehr, wie ich meinen Schwung auslösen soll. Ich schäme mich und fühle mich erbärmlich. Just in dem Moment schwingt auch noch eine Frau an mir vorbei – elegant mit extrem enger Skiführung. Hat die es gut! Ich will hinterher, ohne diesen Jean-Pierre. Was mache ich hier? Ich könnte Spaß haben. Stattdessen quäle ich mich, ohne zu wissen, wohin das führen soll. Ich lasse den Kopf hängen. "Die meisten Skifahrer fahren nur in ihrer Komfortzone, also genau so, wie sie es immer tun", sagt Jean-Pierre. "Aber um dazuzulernen, muss man sie verlassen."

Lektion 2: Fahren, nicht rutschen!

Vielleicht hat Jean-Pierre recht, ich will noch nicht aufgeben. Er malt mit der Spitze seines Skistocks eine S-Kurve in den Schnee. "So fahre ich." Dann legt er den Skistock der Länge nach in den Schnee, hält ihn an einem Ende fest und wischt mit ihm hin und her, als wäre der ein Scheibenwischer. "So fährst du – und die meisten anderen, die wir eben aus dem Lift gesehen haben. Eure Ski sind nur vorne auf der Kante, hinten rutschen sie rum."