Aber Éric hat doch gesagt, das Eulenloch sei der bequeme Zugang zur Grotte. Durch diesen von Büschen, Bäumen, Moosen fast zugewachsenen Schlund gelange man leicht in die Höhle. Tatsächlich muss man sich dann doch ganz schön bücken und schlängeln. Dahinter geht man im Dunkeln tapsig und krumm weiter wie ein scheuer Bär, dann auf allen vieren durch nassen Lehm, schließlich kriechend wie eine Echse über glitschigen Fels. Steinsplitter bohren sich in die Handballen und Kniescheiben. Als man hofft, dass Érics Einschätzung in Sachen Komfort bald mit der Realität übereinstimmen möge, fällt der Weg senkrecht hinab in einen stummen, schwarzen Schlund, der alles Licht der Funzel schluckt. Die verschmierten Hände krallen sich an die Sprossen einer rostigen Leiter. Sie führt in eine karstige Unterwelt.

Weiter geht’s, auf dem Hosenboden rutschend. Spätestens jetzt fragt man sich, ob Éric Bégouën genauso übertrieben hat, als er von seinem großen Fund erzählt hat. Als er schmunzelnd von einer auffälligen länglichen Struktur im Fels sprach. Von einem "wohlgeformten Körper, den Natur und Mensch gemeinsam geschaffen haben".

Von dessen Besonderheit hat er auch die Fachwelt überzeugt: In der aktuellen Ausgabe von Quartär, dem Internationalen Jahrbuch zur Erforschung des Eiszeitalters und der Steinzeit, führt er detailliert aus, worauf er im Zentrum dieser langen Grotte gestoßen ist. Ausgerechnet im Bereich, der Heiligtum heißt, französisch sanctuaire, hat Éric Bégouën einen Schwanz entdeckt. Nicht den Schwanz eines Tieres. Nein. Die gewaltige Darstellung eines Menschenpenis in Stein.

Les Trois-Frères heißt die Höhle, die diesen Schatz birgt. Sie liegt am Nordrand der Pyrenäen, auf dem Gebiet der Kommune Montesquieu-Avantès. Der Fluss Volp hat sie aus dem Kalkstein herausgefressen. Und ihren Namen bekam sie, weil drei Brüder, drei Bégouëns, sie vor 100 Jahren entdeckten: Max, Jacques und Louis. Zwei Höhlen waren bereits im Familienbesitz, als die Brüder auf dieses schwer zugängliche Labyrinth stießen, das 17.000 Jahre lang keine Menschenseele betreten hatte.

Heiligtum in der Höhle

Im Bauch der Grotte erwartete sie ein geheimnisvoller Ort – eben das sanctuaire. Allein dieser eine Raum im Berg ist mit mehr als tausend feinsten Gravuren ausgestaltet: Zeichnungen von Wisenten, Pferden, Rentieren, Steinböcken und menschlichen Wesen, dazu noch Mammut, Bär und Wollnashorn. Es handelt sich um die weltweit größte Dichte an Eiszeitkunst in einem Raum. Eine Darstellung zeigt den sorcier, eine Art Zauberer oder Hexenmeister mit Geweih, ein bizarres Wesen, halb Mensch, halb Tier – eine Ikone des steinzeitlichen Schamanismus.

Seit mehr als neun Jahrzehnten erkunden Mitglieder der Familie Bégouën mit Archäologen die Höhle und Spuren ihrer steinzeitlichen Bewohner. Trotzdem ist Éric überzeugt, dass in all den Jahren die Großväter, Großonkel und auch alle Wissenschaftler inmitten dieser zeichnerischen Pracht das eine phänomenale Werk schlichtweg übersehen haben. Das Objekt, sagt Éric, sei das beeindruckendste Zeugnis dieser Art, das Steinzeitkünstler je geschaffen hätten.

Der Weg dorthin ist mit dünnen Bändern markiert. Andreas Pastoors, Archäologe vom Neanderthal Museum in Mettmann, forscht seit 25 Jahren in den Volp-Höhlen. Er folgt Éric auf exakt demselben schmalen Pfad, den bei der ersten Begehung auch die drei Brüder nahmen. Beide, der Juniorbesitzer und der Wissenschaftler, kennen die Höhle genau. Geübt setzen sie ihre Füße auf den unebenen Untergrund. Links und rechts zeugen Spuren von frühzeitlichen Besuchern: hier ein Feuersteinsplitter, dort ein Rentierknochen. Seit der Eiszeit ist nichts verändert worden. Die Utensilien des Alltags liegen noch genau so herum wie damals. Steinklingen stecken im Felsschlitz, auch Backenzähne von Bär und Rentier. Eine Jakobsmuschel ruht seit 17.000 Jahren in einer faustgroßen Nische. In der staubarmen Höhle hat sich kaum Patina auf Tropfsteine und Geröll gelegt. Die natürliche Klimaanlage der Grotte hat die Momentaufnahmen fixiert.

Tierzeichnungen und ein Penis aus Stein

Wir kommen an einem Dutzend roter Handnegative vorbei. Die Menschen haben sie damals an die Wand gesprüht, indem sie den Mund mit eisenockerhaltiger Brühe füllten, die Hand vor den Fels hielten und dann prustend Gestein und Körperteil kolorierten. Zurück blieben Umrisse, wie man sie in vielen Höhlen Frankreichs und Spaniens, aber auch in der Cueva de las Manos, der "Höhle der Hände", im Südwesten Argentiniens findet. Über ihre Bedeutung sind sich die Wissenschaftler bis heute uneins: Sind sie spielerisch entstanden, waren sie künstlerischer Ausdruck einer kreativen Seele, markierten sie den Weg im gefährlichen Labyrinth?

Wir zwängen uns durch schräge schachtartige Öffnungen, vorbei an den knochigen Resten eines Rentiers und mehrerer Wisente, die in der Zeit vor 15.000 bis 19.000 Jahren durch ein damals offenes Loch, 30 Meter über uns, herabgefallen und hier verendet sind. Ein paar Schritte weiter: Höhlenbärenknochen, 35.000 Jahre alt. Dann endlich weitet sich der Raum, wir klettern hinab in das sanctuaire, das Heiligtum der Bégouënschen Höhle.

Allmählich nimmt das Auge in den extrem feinen Gravuren im Fels Tiere wahr. In der Form eines Vorsprungs hatten die Steinzeitler ein Pferd erkannt, sie betonten seine Konturen mit Kratzern. Ein gepunkteter Bär steht auf seinen Hinterbeinen, Zackenlinien könnten eine Gruppe Bisons darstellen. Ein kleiner, dicker Vogel ist auszumachen, ein Mammut, ein Steinbock mit extrem langen Hörnern, ein tanzender Flötenspieler, ein wilder Esel. Und ein Rentier, das kopfüber fällt – hat diese Darstellung etwas mit den Knochenresten im vorderen Teil der Höhle zu tun?

Hunderte Tiere haben die Besucher dieser Höhle in der Zeit des Magdalénien künstlerisch festgehalten, 1.105 Felsbilder sind es insgesamt, darunter 12 menschenähnliche Figuren. Immer wieder dürfte die Geologie die Künstler inspiriert haben: In der Mitte der Wand prangt ein Loch. Mit etwas Fantasie lässt sich darin eine Vulva erkennen. Schräg darüber, 120 Zentimeter über dem Boden, vorstehend, ein längliches Stück Fels. Als Éric vor einigen Jahren an diesem Platz stand, erinnerte ihn die Kontur plötzlich an ein männliches Genital. "Ich trat nah an den Fels heran und sah feine Kratzer, die bislang niemandem aufgefallen waren."