Sternenhimmel über Brandenburg © Patrick Pleul/dpa

Man solle ihn am Sonntagabend an der Bushaltestelle treffen, sagt Martin Miethke am Telefon, um 18.30 Uhr. Zwischen bürgerlicher und nautischer Dämmerung, bitte ein bisschen wärmer anziehen. In Brandenburgs Havelland, nur ein paar Kilometer vor der Grenze zu Sachsen-Anhalt, passiert man die Ortschaften Wassersuppe und Witzke, durchquert Prietzen, biegt irgendwann scharf rechts ab und erreicht dann – Gülpe.

Leider ist an diesem Abend eine Straßenlaterne ausgefallen, sodass die Bushaltestelle nicht zu sehen ist und Naturführer Martin Miethke erst recht nicht. Da nach Gülpe zwar eine Straße hineinführt, aber keine mehr heraus, ist der Treffpunkt jedoch irgendwann gefunden. Ein Schatten löst sich aus der Nachtschwärze. "Miethke, guten Abend", sagt Miethke und dann erst mal nicht mehr viel. Schließlich geht er voran, dorthin, wofür Gülpe ein bisschen berühmt geworden ist. In die Dunkelheit.

Am 12. Februar wurde dem Naturpark Westhavelland der Titel Sternenpark, Kategorie Silber, zugesprochen. Damit werden Gebiete ausgezeichnet, in denen der Sternenhimmel besonders spektakulär funkelt. Mit anderen Worten: in denen es nachts verdammt dunkel ist. Verliehen wird das seltene Prädikat von der International Dark Sky Association, einer Vereinigung, die sich unter anderem dafür einsetzt, dass in Gegenden wie dem Westhavelland verantwortungsvoll mit Licht umgegangen wird. Die Dunkelheit soll also geschützt werden. Für Gülpe und Umgebung hat sich das gelohnt. Der Naturpark ist einer der ersten Orte in Europa und der allererste in Deutschland, der Sternenpark wird.

Miethke geht voran in die Nacht, lässt die restlichen Laternen Gülpes hinter sich und bemerkt noch einmal, dass der Mond eigentlich viel zu hell für eine ordentliche Sternenbeobachtung sei. Keine dreihundert Meter vom Dorf entfernt hält er an. "Weiter brauchen wir eigentlich nicht zu gehen", sagt er, zieht sich ein wärmendes Stirnband über die Ohren und holt ein Beobachtungsfernrohr aus dem Rucksack.

Währenddessen hat am Himmel ein stilles Feuerwerk begonnen. Die Sterne, funkelnd hell, wirken wie ins dunkle Firmament gestanzt, der Polarstern schwebt über der Verlängerung der Vorderseite des Großen Wagens, der Orionnebel schimmert schwach, aber deutlich in der Dunkelheit. Nur am südöstlichen Horizont ist es hell, da sieht man die Lichterglocken Berlins und der Kreisstadt Rathenow.

"Lichtverschmutzung" nennt Andreas Hänel das, wenn irdisches Licht den Blick auf den Nachthimmel verdirbt. Hänel leitet die Osnabrücker Sternwarte, ihm ist der Havelländer Himmel aufgefallen. Anfangs wollte er einfach die Behauptung überprüfen, nirgendwo in Deutschland sei es nachts dunkler als im Havelland. So machte er sich auf die Reise. Er fuhr, bis die Straßen schmaler und die Siedlungen seltener wurden, dann hielt er irgendwann rechts an und schaltete den Motor aus. Er hielt sein Messgerät, ein Sky Quality Meter, gen Himmel und schaltete es ein. Die Sekunden verrannen. Als er dann auf das Display sah, war er überrascht. "Das waren Werte, die man nur von Astronomie-Oasen wie La Palma oder Namibia kennt", erzählt er. Seit diesem Tag hat die Dunkelheit in Brandenburg einen Wert, wenngleich in ungewohnter Einheit: "21,78 Größenklassen pro Quadratbogensekunden." Das ist für den Laien kryptisch, für den Fachmann beachtlich.

Kampf gegen die Lichtverschmutzung

Deswegen hat Hänel den Kampf gegen die Lichtverschmutzung ins Havelland getragen. Gegen kalt-weiße Leuchtmittel und in den Himmel gerichtete Gebäudestrahler, gegen schlecht abgeschirmte Straßenlaternen und falsch beleuchtete Werbung zieht er zu Felde. Sogar an einer Beleuchtungsrichtlinie hat er mitgeschrieben – und seufzt kurz, als er von DIN-Normen spricht: "Dass ich mich mit so was mal beschäftigen muss, hätte ich auch nicht gedacht."

Beim Anblick des nächtlichen Himmels über Gülpe sind Normwerte schnell vergessen. Was stört, ist der grelle Mond. Er versaut den spektakulären Blick auf die Milchstraße, die sich als Band einmal quer über den Himmel zieht. Dafür ist Jupiter gut zu erkennen, durchs Fernrohr mit leichter Vergrößerung sieht man vier seiner Monde und seine Ringe.

Voller Stimmen ist die Brandenburger Nacht, angefüllt nicht nur mit dem Gebell der Gülper Dorfköter, sondern auch dem stolzen Trompeten der Kraniche und den Schreien der Gänse, die schon wieder auf dem Rückzug in ihre Brutgebiete sind. Silberweiden strecken ihre schwarzen Arme in die Nacht. Am Horizont blinken die Lichter von Windkraftanlagen dümmlich vor sich hin. Ansonsten sieht man wenig. Tagsüber würde man sagen: Strukturschwäche. Nachts aber blickt man staunend in den Brandenburger Premiumhimmel.