General Albino Akuei Nyong sitzt im Hotel Glory in Juba und trinkt mit seinen Soldaten Bier. Es ist spät am Abend, als er zum Telefon greift. Er ruft seine Geliebte an und sagt ihr, er wolle nicht sterben, ohne Nachkommen zu hinterlassen. Sie möge ihm doch ein Kind schenken. Doch die Frau am anderen Ende der Leitung sagt Nein. "Du liebst mich nicht", gibt der General zurück, und seine Soldaten nicken mitleidig. Dann rauchen sie eine Zigarette und verfallen für den Rest des Abends in schweigende Melancholie.

General Nyong ist gewiss kein weinerlicher Typ. Während der langen Jahre des Krieges gegen den Norden trug er viele Kämpfe aus, zuletzt stand er auf der Seite des heutigen südsudanesischen Präsidenten Salvador Kiir. Er wurde vielfach ausgezeichnet. Nyong ist heute Mitglied der Präsidentengarde der südsudanesischen Armee (SPLA). Er ist also ein erfahrener Mann, und er ist nicht leicht zu beeindrucken. Bei dem, was jetzt vor ihm liegt, befallen ihn aber düstere Ahnungen: "Ich denke immer an den Tod."

Als der Südsudan im Jahr 2011 unabhängig wurde, wussten alle Beteiligten, dass dies ein äußerst riskantes Unternehmen war – doch die Gelegenheit schien gekommen, einen furchtbaren Krieg zu beenden. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hatten die mehrheitlich schwarzafrikanischen Bewohner des Südens gegen die arabisch dominierte Zentralmacht in Khartoum gekämpft, vermutlich zweieinhalb Millionen Menschen haben dabei ihr Leben verloren, ganze Landstriche waren verwüstet worden. Das alles sollte am 11. Juli 2011 ein Ende haben. An diesem Tag wurde in der neuen Hauptstadt Juba unter der Schirmherrschaft der Vereinten Nationen die Flagge Südsudans gehisst. Die Welt hatte einen neuen Staat. Eine Prise Bangigkeit war den Feierlichkeiten beigemischt, mehr aber auch nicht. Das Fest sollte nicht gestört werden.

Seit zwei Monaten herrscht wieder Krieg im Südsudan. Der jüngste Staat der Welt könnte zerbrechen, entlang ethnischer Linien. Dinka und Nuer, die beiden größten Volksgruppen, sind blutig aneinandergeraten. Menschenrechtsorganisationen berichten von außergerichtlichen Exekutionen und ethnischen Säuberungen. Mindestens 400.000 Menschen seien auf der Flucht. Die Lager von Unmiss, der Mission der Vereinten Nationen im Südsudan, sind überfüllt, die hygienischen Zustände katastrophal, es fehlt an Impfstoffen und Medikamenten. Allein 3.000 Menschen suchen Schutz im Unmiss-Lager Tong Ping in Juba, sie hocken so dicht aufeinander, dass nur äußerste Duldsamkeit sie diese Zustände ertragen lässt. Plötzlich hat sich alles gewandelt. Hilfsorganisationen, die bis zum Dezember noch mit ambitionierten Aufbauprogrammen beschäftigt waren, errichten nun Latrinen, verteilen Medikamente und Nahrung. Sie waren gekommen, um einen Staat aufzubauen, und müssen nun das Elend verwalten.

So dramatisch die Gewalt ist, so bitter die Zahlen, so gespenstisch bleibt dieser Krieg, ja er ist geradezu unsichtbar. Jedenfalls in Juba, der Hauptstadt, dem einzigen Ort, aus dem Journalisten berichten können, ohne ein allzu großes Risiko einzugehen. Auch für General Nyong bleibt der Krieg eine ferne Angelegenheit. Seit Wochen sitzt er mit seinen Männern im Hotel Glory und geht ein paar Mal am Tag auf Patrouille entlang der Airport Road. Was so spannend ist wie ein Dorfspaziergang am Sonntagnachmittag und entsprechend auf die Truppenmoral wirkt. Aus Platzmangel in der Kaserne, in der Soldaten aus dem Norden des Landes eingetroffen sind, ist das Hotel Glory zur Baracke umfunktioniert worden. Alle zwei Stunden marschiert des Generals Truppe vorbei am Tong Ping Business Centre, an einigen überambitionierten Rohbauten, die schon wieder Ruinen sind, an Werbung für Fluglinien, Bier und Putzmittel. "Nie sind hier Feinde", murrt ein junger Soldat auf einem dieser Spaziergänge. Da platzt dem General der Kragen: "Dann geh doch zu den Rebellen, da hast du genug!"

Nicht nur bei General Nyong liegen die Nerven blank. Auch die internationale Gemeinschaft ist nervös, besonders die USA. Niemand sonst hat so viel Prestige, Geld und Zeit in diesen neuen Staat investiert wie die USA. Ursprünglich hatten die Amerikaner Khartoum unterstützt. Nachdem der amerikanische Energieriese Chevron 1978 im Südsudan Öl entdeckt hatte, war den Amerikanern an guten Beziehungen mit der Regierung des Sudans gelegen. Auch als diese Regierung mit Gewalt gegen die autonomen Regionen im Südsudan und in Darfur vorging und die Liste der Menschenrechtsverletzungen immer länger wurde, blieben diese guten Beziehungen bestehen. Die SPLA, die Rebellenarmee des Südsudans, die auch Anschläge auf die Ölfelder verübte, wurde damals als Gegner amerikanischer Interessen gesehen. Doch um die Jahrtausendwende vollzogen die USA eine Kehrtwende und trieben die Unabhängigkeit des Südsudans voran. Machtpolitische, geostrategische und ideologische Motive verschränkten sich und brachten die neue Politik hervor.

Nach den Attentaten von 9/11 sah die Regierung in Washington die islamistisch geprägte Zentralmacht als potenziellen Gegner. China, der geopolitische Rivale der USA, hatte sich stark im Sudan engagiert. In Washington suchte man nach Möglichkeiten, den Einfluss der Chinesen in der Region einzudämmen. Auch in der amerikanischen Öffentlichkeit gewann die Unabhängigkeit des Südsudans mächtige Befürworter. Christliche Kräfte interpretierten die Kriege des muslimischen Nordens gegen den christlichen Süden als eine Art Religionskrieg, und Berichte von Versklavung der Schwarzafrikaner des Südens durch die Araber des Nordens mobilisierten Amerikas Afroamerikaner. Schließlich weckten auch weitere reiche Ölfunde im Südsudan den Appetit amerikanischer Ölkonzerne. Der Südsudan ist heute nach Angola der zweitgrößte Öllieferant Afrikas. So vielfältig die Motive, so breit gestreut waren die Erwartungen. Scheitert der Südsudan, dann scheitern zugleich eine ganze Reihe von Leuten: Geostrategen in Washington, Menschenrechtler, christliche Aktivisten, Manager von Ölkonzernen; dann zerbricht ein zentraler Baustein der amerikanischen Afrikapolitik. Darin liegt die Bedeutung der südsudanesischen Krise.