Als sie dieses Foto machten, am Bahndamm in der Nähe von ihrem Studio, kam prompt eine Kindergartengruppe vorbei. Die Kindergärtnerinnen blieben stehen und riefen: Man dürfe sich nie, nie auf die Gleise stellen. Wenn jetzt ein Zug käme! Die Musiker staunten nicht schlecht, als die Kinder sofort zu skandieren begannen: "Schlech! Tes! Vor! Bild! Schlech! Tes! Vor! Bild!" Herrlicher Moment in Weilheim.

In der kleinen Stadt 50 Kilometer südlich von München haben The Notwist nach wie vor ihre Basis, auch wenn sie längst anderswo wohnen, in München und in Berlin und in Riederau am Ammersee. Seit mehr als 27 Jahren gibt es diese Band jetzt, in nur leicht veränderter Besetzung. Von den Übungsabenden im Pfadfinderheim bis zur nächsten Amerikatournee im Frühsommer 2014 – was für eine Karriere! Zwischendrin weder den Drogen noch dem Geld verfallen, sondern beharrlich arbeitend an ihrer ganz eigenen Idee von Musik. Wenn das kein gutes Vorbild ist.

Einst haben sie als Gitarrenschrammler begonnen, schroff und lärmend, dann ist ihnen, kurz nach der Jahrtausendwende, Neon Golden gelungen, eines der schönsten Pop-Alben aus Deutschland überhaupt, auf halbem Weg zwischen Beatles und Techno. "Klingt gar nicht so nach Computer", lobte die ZEIT. Alle paar Jahre nur gibt es ein Album; sie lassen sich sehr viel Zeit. An die 100 Studiotage haben sie an der aktuellen Produktion gefummelt, was in der Branche so selten ist wie ihre Haltung. Sie wollen etwas machen, das sie wirklich befriedigt. Mag die Welt um sie herum inzwischen twittern und posten – das Schnelllebige interessiert sie nicht.


Dabei ist ihre Ästhetik alles andere als rückwärtsgewandt. Manch ein alter Fan wird schlucken müssen, wenn er Signals hört, das erste Stück der neuen Platte, oder Close to the Glass, das zweite, das ihr auch den Namen gab. Krasse, kalte, maschinelle Töne piepen und pumpen, getrieben von entfesseltem, seelenlosem Händeklatschen. Der lennoneske Gesang scheint da so wenig hineinzupassen wie das Cello, das man herauszuhören glaubt. Was für eine grobe Collage. Klingt voll nach Computer!

Es gibt auch das frappierende Gegenteil, Lineri, das vorletzte und mit fast neun Minuten längste Stück des Albums, von dem man zunächst denkt, es sei allein den Apparaten entwachsen. Schwell- und Schwabbertöne, Platinenbeat, Kraftwerk lassen grüßen. Aber von welcher Schönheit die Melodien! Und dann beginnen sich die Linien zu bewegen, zu kreuzen, zu verflechten, und all das Gesumm und Gebrumm drum herum schwingt plötzlich mit. Ein Meisterwerkchen elektronischer Musik, in dem alle Widersprüche aufgehoben sind. Überdies ist es, wie sich herausstellt, im Ursprung gar nicht elektronisch, sondern von der Band live eingespielt und bloß raffiniert verfremdet.


Die Multiinstrumentalisten Markus und Micha Acher und der Klangtüftler Martin Gretschmann, der irgendwann vom Fan zum Bandmitglied aufstieg, bilden eine verschworene Einheit, die eine persönliche Zuordnung kaum noch zulässt. Auf der Platte und auf der Bühne holen sie andere Musiker hinzu, Max Punktezahl, Andi Haberl, Karl Ivar Refseth, auch sie treue Begleiter. Als Sextett spielen sie auf deutschen Bühnen demnächst ein zweistündiges Programm – irgendwo zwischen Rockband und Knurpselkapelle, reich an Störgeräuschen und von Hand geklöppeltem Vibrafon.

Close to the Glass klingt wie ein Mixtape sehr verschiedener Stücke, das die Band ihren Hörern schenkt und aus Leidenschaft gleich selber eingespielt hat. Über dessen Titel kann man ins Grübeln kommen. Nah am Glas leben wir inzwischen alle. Was wir da sehen und hören, was uns da sieht und hört, davon wissen wir erschreckend wenig. Die Frage danach kommt uns eben erst in den Sinn.

The Notwist: Close to the Glass (CD/LP cityslang)