Mit Ehrfurcht und Sorgfalt, als müsse ein ernst zu nehmendes neues Trio im Ensemble der klassischen Bühnenfiguren begrüßt werden, beugt sich der Theaterbetrieb über den NSU. Viele NSU-Stücke wird es in diesem Jahr geben – in Frankfurt, München, Karlsruhe, Köln, Berlin. Was ist der NSU? Zwei junge Männer, einer von ihnen trug den sprechenden Namen Mundlos, und eine Deckung gebende junge Frau, verantwortlich für zehn Morde, die aus Ausländerhass geschahen. Es ist: der Nationalsozialistische Untergrund – ein Dunkelraum, der aus drei Köpfen bestand, aber offenbar, so der Verdacht, eine viel größere deutsche Hassbewegung repräsentierte. Und der deshalb so viele Theaterleute fasziniert.

Am Frankfurter Schauspielhaus sieht man nun drei junge Menschen, die ausdrücklich nicht Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt und Beate Zschäpe, sondern Tosch, Gräck und Janine heißen. Dennoch könnte der NSU eine posthume Urheberschaft für dieses Stück beanspruchen – denn ohne ihn gäbe es den Weißen Wolf, so heißt das Stück des Dramatikers Lothar Kittstein, sicher nicht. Tosch, Gräck, Janine sind, mit Brecht gesprochen, aus demselben Schoß geschlüpft, dem die NSU-Wesen entstammen. Kittstein versucht allerdings nicht, die Bedingungen zu analysieren, die für ihr Gedeihen verantwortlich sind, er macht es sich vielmehr, ein wenig wie ein Tierfilmer, in der Nähe der Bestien gemütlich, ihren heißen Atem spürend, ihren Duft einsaugend. Er will verstehen, wie die so sind und wie sie sich fortpflanzen.

Deshalb ist Der weiße Wolf ein intimes Stück geworden, voll von negativer Sinnlichkeit. Es wird darin viel geflucht und in Christoph Mehlers Inszenierung viel gebrüllt, und jeder Fluch, jeder Hassausbruch ist erotisch konnotiert. Es geht im Gebrüll der Männer nicht gegen schwarze Frauen, sondern, grundsätzlicher, unerbittlicher, gegen "Negerfotzen", der Kampf gegen das Fremde findet unterhalb der Köpfe, im Bauch der deutschen Frau statt. Ein typischer Dialog des Stücks, zwischen Gräck und seiner schwangeren Freundin Janine, lautet:

Gräck: Wem gehört deine Fotze?

Janine: Dir!

Gräck: Nein, deinem Volk!

Als sei Faschismus eine strengere Form von Erotik, als sei die Umarmung zweier Neonazis nur Fleisch gewordene Ideologie. Das Stück ist eine erregte Spekulation über das Privatleben dreier Verbrecher: So liebte der NSU. So waren sie einander (wahrscheinlich) hörig. Auf der dunklen Bühne herrscht faschistischer Vampirismus: Man saugt einander aus. Und wenn sich die Männer schier die Schädel einschlagen, so versöhnen sie sich anschließend, indem sie sich das vermischte Blut über die Gesichter schmieren.

Jedes Handeln ist gleichsam im Rohr krepierte, nach hinten losgegangene, verirrte Lust. Deshalb ist die Pistole, die Tosch in einer Plastiktüte mit sich führt, ein so wichtiges Requisit. Als Janine Tosch fragt, ob er inzwischen noch mehr Morde begangen habe, deutet er auf die Waffe und sagt: "Sie weiß es" – als sei das Ding der wahre Kopf der Bande. Es wird gestreichelt und verehrt wie ein erotisches Spielzeug, der externe Lustpunkt der Gruppe.

Längst ist klar, was Tosch eigentlich ist: ein Killer, vom Mündungsfeuer seiner Pistole erleuchtet. Die Waffe weist ihm den Weg, er führt ein Leben in Rückstößen. Als Janine ihn fragt, wie sich das Morden anfühlt, ist es, als frage sie ihn nach einer sexuellen Praktik: "Wenn du es machst: Was ist das für ’n Gefühl?" Und er beschreibt einen Moment der höchsten Befriedigung: "Es ist alles, alles auf einmal! Es ist wie ein helles Licht. Nur Licht, als wär dein ganzer Körper ’ne Scheißneonröhre! Hell. Und kalt. Ist geil. Und tut sauweh. Das tut so gut!"