Seit Helmut Kohls Gorbatschow-Goebbels-Vergleich verfestigt sich ein elftes Gebot: "Du sollst nichts mit dem ›Dritten Reich‹ vergleichen." Nun könnten wir ohne Vergleiche gar nicht leben. Es ist nützlich, zu checken, ob die Knallerei draußen von Böllern oder Pistolen kommt. Anderseits wissen wir, dass so mancher Vergleich mit Hitler und "Drittem Reich" der diffamierenden Absicht entspringt.

Beispiele: Bush ist wie Hitler. Massentierhaltung ist wie Holocaust, Managerschelte wie Judenverfolgung. Mit "Sekundärtugenden" wie "Pflichtgefühl" könne man auch ein KZ betreiben. Abtreibung ist wie Holocaust. Tom Cruise trete auf wie Goebbels. "Nie wieder Auschwitz" gehört auch in die Reihe – der mächtige Appell an deutsche Schuldgefühle, die im Kosovokrieg den deutschen Ohne-mich-Reflex überwältigen sollten.

Die Technik ist simpel: Nimm eine willkürliche Gemeinsamkeit zwischen X und dem Zwölfjährigen Reich, und schon ist X identisch mit dem Bösen. Wer es hört, wird den Vergleich schon zur Gleichung machen – und seinen Verstand ausschalten. Ende der Geschichte? Mitnichten, denn nun tritt die Sprachpolizei an. Nichts, aber auch nichts dürfe mit "Adolf Nazi" (Helmut Schmidt) verglichen werden. Die Anklage lautet auf Verniedlichung oder das Gegenteil, Verunglimpfung. Entweder, so eine Standardbeschuldigung, "verharmlost (der Vergleich) das NS-Regime und verhöhnt Millionen von Opfern". Oder der Gegner soll mundtot gemacht werden, weil er die "Auschwitzkeule" schwinge.

Vergleichen ist nicht gleichsetzen. Diese schlichte Einsicht geht im Empörungswettkampf verloren – und damit jegliche Differenzierung (was passt, was nicht?), die das A und O aller Vergleiche ist. Ein Wort in eigener Sache: Dieser Autor hat vor zwei Wochen (Zeitgeist 6/14) mit Blick auf die "Raus mit Lanz"-Petition geschrieben: "In analogen Zeiten hieß es: ›Kauft nicht beim Juden!‹ " Das geht gar nicht, echauffierten sich die Hohepriester des Digital-Tempels und deren Jünger. Die ZEIT sei ein "Scheißblatt", war einer der subtileren Kommentare. Und: "Mir fällt zu diesem Vergleich nichts mehr ein." Dieser Spruch stammt übrigens von Karl Kraus, dem zu Hitler nichts mehr eingefallen war.

Die Pauschalverdammung aber verdeckt die eigentliche Frage: Wann ist der Vergleich legitim? Wieso ist die Kampagne gegen Markus Lanz anders als der Juden-Boykott? Beide kamen aus der Anonymität, beide wollten den Feind wirtschaftlich schädigen, beide mobilisierten das Ressentiment. Was war dann anders? Der Boykott dauerte einen Tag, am 1. April 1933; die Anti-Lanz-Kampagne steht noch heute im Netz. Natürlich ist das, was später für die Juden folgte, in nichts mit dem Fall Lanz zu vergleichen.

Manche Vergleiche (siehe oben) rangieren zwischen unzulässig und infam, manche sind legitim und richtig – zumindest regen sie das Gehirn zur Gymnastik an. Denken ohne Vergleichen ist nicht vorstellbar. Vergleichen ohne Denken ist unverzeihlich. Zum Schluss doch noch ein Rekurs auf Adolf H. Er hat offensichtlich Reflexe in den Hirnen hinterlassen, die selbst siebzig Jahre danach ihre Träger dazu animieren, auch den räsonierten Vergleich der Empörungslust zu opfern. Links wie rechts.