Ursula von der Leyen hätte große Freude an Peter Tomala. Wie er auf dem plüschigen roten Sofa thront, auf den Knien das Buch und um ihn herum viele Kinder. Sie quetschen sich auf die Arm- und Rückenlehnen des Sofas – und versuchen auf seinen Schoß zu krabbeln. Dort ist viel Platz. Tomala ist ein kräftiger Mann, mit kahl geschorenem Kopf, breiten Schultern, muskulösen Oberarmen und einem fusseligen Kinnbart. Kräftig musste er auch sein, bis vor wenigen Monaten war er noch Soldat. Jetzt arbeitet er als Erzieher im St.-Marien-Kindergarten im ostfriesischen Leer.

Wenn man ihn so sieht, kann man sich kaum vorstellen, dass er bis vor Kurzem noch regelmäßig Uniform trug. Acht Jahre lang war Tomala bei der Luftwaffe. In dieser Zeit war er verantwortlich für das Fernmeldesystem der Luftabwehrraketen Patriot – eine Art Telekom für Soldaten.

Vor zweieinhalb Jahren hat Tomala bei der Bundeswehr eine Ausbildung zum Erzieher begonnen. Eine eigene Abteilung mit dem sperrigen Namen "Berufsförderungsdienst" kümmert sich um Soldaten, die aus der Bundeswehr ausscheiden. Der Bundeswehr ist es wichtig, ihren Soldaten berufliche Perspektiven zu bieten, innerhalb der Bundeswehr, aber auch außerhalb. Unter der neuen Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) soll sie nun auch familienfreundlicher werden.

Noch ist Peter Tomala ein Exot, aber vielleicht wird die Erzieherausbildung bald ebenso selbstverständlich sein wie die zivile Laufbahn in der Verwaltung – weil die Armee Personal für Kasernen-Kitas braucht.

Tomala verließ die Bundeswehr freiwillig. "Es war ein sehr technischer Beruf, irgendwann habe ich gemerkt, dass mir die Arbeit mit Menschen mehr Spaß macht", sagt er. Spannender als Aufgaben wie die Berechnung von Algorithmen fand er es, Untergebene anzuleiten. Er sei schon immer Pädagoge gewesen, so drückt er es aus. Wenn die Wehrdienstleistenden aus dem "Hotel Mama" kamen und das erste Mal allein Betten beziehen sollten, habe er sie im Gegensatz zu anderen nicht angeschrien, sondern versucht, alles ruhig zu erklären.

Seit 2002 bietet die Bundeswehr an den drei Bundeswehrfachschulen in Hamburg, Berlin und Köln eine dreijährige Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher an. Jährlich verlassen 100 bis 110 Erzieher die Schulen, und fast alle finden einen Job. Der Großteil arbeitet anschließend allerdings nicht in Kitas, sondern in Einrichtungen wie Jugendzentren oder Kinderheimen.

Auch Tomala wollte nicht unbedingt Kindergärtner werden. Das ist doch was für Frauen, dachte er noch vor seinem ersten Pflichtpraktikum in der Kita. Der 30-Jährige hat seine Kindheit und Jugend mit der Familie in Polen verbracht; in der Schule sagten die Lehrer, ein Mann müsse seine Zeit bei der Armee ableisten – deshalb war auch er zur Bundeswehr gegangen. Auch seine Mutter konnte sich ihren Sohn besser in Uniform als am Wickeltisch vorstellen. Als Tomala ihr erzählte, er werde bald in einer Kita arbeiten, sagte sie: "Du und Erzieher? Das will ich sehen."

Der Anteil männlicher Erzieher liegt bundesweit bei nur rund drei Prozent. Die letzte Erhebung stammt aus dem Jahr 2010, damals waren es 2,4 Prozent. 2011 startete die Bundesregierung die Initiative "Mehr Männer in Kitas". Zusammen mit dem europäischen Sozialfonds finanzierte sie bis Ende 2013 Modellprojekte und Anzeigenkampagnen in den Bundesländern. Vor allem in den Großstädten gibt es inzwischen einen Aufwärtstrend. Am höchsten liegt die Quote in Frankfurt am Main mit 11,3 Prozent.

Vor seinem Praktikum fragte sich Tomala, wie die Kinder wohl auf einen Mann als Erzieher reagieren würden. Seine Bedenken verflogen schnell. "Die sind sofort auf mich zugekommen", sagt er. Sie hätten sich gefreut, endlich jemanden zum Fußballspielen zu haben. Nach einigen Wochen wusste er: "Das ist mein Ding."

Die Kitaleiterin Annika Hoidis lobt ihren neuen Azubi. Dass Tomala früher Soldat gewesen sei, habe für sie keine große Rolle gespielt. Im Gegenteil: Sie schätzt, dass Tomala in Konflikten oft überlegter agiert als seine Kollegen. Bei der Bundeswehr habe er gelernt, mit Krisensituationen umzugehen, sagt er: "Früher konnte ich bei Kleinigkeiten hochfahren." Seine Ausbilder hätten ihm beigebracht, ruhiger zu werden. Das nütze ihm in der Kita, etwa wenn die Kinder beim Spielen zu wild werden oder etwas kaputt machen. Wer schon mal eine 25-köpfige Gruppe aus drei- bis sechsjährigen Kindern gehütet hat, weiß, dass Ruhe der einzige Weg ist, die Kinder und auch sich selbst unter Kontrolle zu behalten.

Anfangs waren einige Eltern skeptisch, als sie hörten, dass ein ehemaliger Soldat von nun an ihre Kinder betreuen würde. Viele wollten Tomala zu Beginn seiner Ausbildung kennenlernen – er konnte sie beruhigen: "Alle waren aufgeschlossen, und am Ende hat sich niemand quergestellt."

Beim Malen fragte ein Kind ihn einmal, ob er jemanden erschossen hätte. Tomala versicherte, dass er zwar Waffen getragen habe, sie aber nur in Übungen benutzen musste. Das Kind habe dann weitergemalt. Seiner Uniform trauert Peter Tomala nicht hinterher. "Jeden Tag sahen alle gleich aus, jetzt ist es bunter."