Seit der Vertreibung der Juden aus der deutschen Literatur durch die Nationalsozialisten waren die deutschen Schriftsteller, Kritiker und Verleger jahrzehntelang fast nur noch unter sich. Natürlich konnte man nach 1945 Echos der intellektuell und literarisch fruchtbaren Vorkriegszeit hören, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichte. Emigranten und Verfolgte wie Peter Weiss, Elias Canetti und Marcel Reich-Ranicki schrieben Romane und Kritiken, die vom deutschen Publikum gelesen und oft auch ernst genommen wurden. Aber nur solange diese Autoren lebten und aktiv waren, spielte ihre – sehr jüdische – Art, scharf zu denken, präzise zu fühlen und kosmopolitisch zu leben, in unserer geistigen Welt eine Rolle. Als Reich-Ranicki im September 2013 starb, endete endgültig das Experiment "deutsch-jüdische Symbiose", dieser hundert Jahre währende Versuch, im romantischen Krähwinkel Deutschland eine neue Tradition des Realismus – literarisch und politisch – zu etablieren.

Die Abwesenheit der jüdischen Ruhestörer tut unserer Literatur nicht gut, sie wird immer selbstbezogener, dadurch kraftloser und provinzieller. Eine Weile sah es so aus, als hätten die Frauen und Männer der Gruppe 47 diese dramatische Lücke schließen können. Aber wer will heute auch nur einen ihrer früher so berühmten Romane lesen? Nach Johnson und den anderen kam die müde Innerlichkeitsprosa von Handke und Strauß, danach verstopften die irrelevanten Sprachexperimente der Retro-Avantgardisten die Feuilletonspalten und Bücherregale. Und seit mehr als einem Jahrzehnt prägt der sozrealistische Formalismus des Leipziger Literaturinstituts den narzisstischen und literarisch völlig folgenlosen Geschmack von Kritikern und Germanisten, deren Urteilen kein Leser oder Buchhändler noch glaubt. In anderen Worten: Die deutsche Literatur ist wie der todkranke Patient, der aufgehört hat, zum Arzt zu gehen, aber allen erzählt, dass es ihm gut geht.

Während unsere Literatur stirbt, erneuert sich die Gesellschaft so radikal, als lebten wir in den Tagen der Völkerwanderung. Über sieben Millionen Menschen mit einem ausländischen Pass wohnen inzwischen in Deutschland, weitere zwölf Millionen stammen aus Familien von Einwanderern. In der Öffentlichkeit begegnen sie uns bis jetzt meist als domestizierte SPD-Politiker oder Gewerkschaftsfunktionäre, als verzweifelte und trotzige Hip-Hop-Millionäre oder als exaltierte Reality-Schauspieler im Privatfernsehen – als selbstbewusste Intellektuelle und Schriftsteller treten sie immer noch viel zu selten in Erscheinung. Wie kommt das? An ihrer Zahl kann es nicht liegen, denn es werden jedes Jahr immer mehr Bücher deutschsprachiger Autoren veröffentlicht, deren Eltern nicht in Deutschland geboren sind, ja manche von ihnen sind sogar erst als Kinder und Jugendliche hierhergekommen. Und trotzdem kann man bis heute nicht von einer neuen literarischen Bewegung sprechen, was nur den überrascht, der glaubt, Deutschland sei kulturell ein genauso offenes Land wie die USA, England oder Israel.

Bis heute trudeln Romane und Erzählungen von Jasmin Ramadan, Navid Kermani oder Ann Cotten durch das Meer der Frühjahrs- und Herbstneuerscheinungen wie alle anderen Bücher. Sie werden ebenfalls manchmal kurz nach oben gespült, wahrgenommen und verschwinden danach für immer. Das liegt unter anderem daran, dass diese Schriftsteller sich sehr früh – oft schon in ihrem Debüt, das normalerweise das weit offene Fenster zur Biografie eines jeden Autors ist – der herrschenden Ästhetik und Themenwahl anpassen. Auch sie entscheiden sich wie ihre deutschen Kollegen sprachlich meist für den kalten, leeren Suhrkamp-Ton oder für den reservierten Präsensstil eines ARD-Fernsehspiel-Drehbuchs. Und auch ihre Helden sind relativ unglückliche, gesichtslose Großstadtbewohner mit nichtssagenden Nuller-Jahre-Vornamen, mit Liebes- und Arbeitsproblemen, ohne Selbstbewusstsein und festes Einkommen, dafür fest im Griff von Facebook, Clubwahn und HBO. Aber dass sie – die Autoren – selbst in einer Umgebung leben, die ihren Eltern und ihnen bei aller alltäglichen Gewohnheit ein Leben lang fremd bleiben wird; dass sie hier mal verhöhnt, mal verhätschelt, jedoch nie als Gleichberechtigte und willkommene Veränderer behandelt werden; dass das harmoniesüchtige, postnazistische und vereinte Deutschland von ihnen noch mehr als von jedem seiner indigenen Künstler und Bürger erwartet, dass er sich an den deprimierenden, pseudoliberalen Angela-Merkel-Konsens anpasst – von alldem steht kaum etwas in ihren Büchern. Und sogar wenn sie – wie zum Beispiel wie Marjana Gaponenko oder Zsuzsa Bánk – ihre Immigrantenbiografie in ihren Texten durchscheinen lassen, sind die nie der Ausgangspunkt eines Konflikts der handelnden Figuren ihrer Romane, sondern fast immer nur Folklore oder szenische Beilage.

Viele – sehr viele – der Autoren, von denen ich spreche, haben für genau diese Art von Onkel-Tom-Literatur den Adelbert-von-Chamisso-Preis bekommen. Dieser Preis, der anfangs vor allem für schreibende Gastarbeiter gedacht war, ist eine große Gemeinheit. Er wird ausdrücklich solchen Schriftstellern verliehen, die früher kein Deutsch konnten, es jetzt aber so gut beherrschen, dass sie es – während Hölderlin ihnen die Sinne vernebelt und Thomas Mann die Hand führt – schaffen, ein ganzes Buch oder auch zwei oder drei in dieser für sie neuen Sprache zu schreiben. Statt Zensuren wie im Deutschunterricht gibt es hier ein paar Tausend Euro, aber sonst ist alles mehr oder weniger wie in der Schule – in der Integrationsschule. Die Noten kriegt man nicht bloß für Grammatik und Stil, man bekommt sie auch fürs Betragen. "Die Chamisso-Preisträger sind nicht nur hervorragende Vertreter der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur", erklärt die Robert Bosch Stiftung, die den Preis vergibt, "sondern haben auch eine wichtige Vorbild- und Vermittlungsfunktion." Vorbildfunktion bei was? Beim Anpassen? Beim Selbstverleugnen? Beim Liebsein? Jeder zweite türkische oder kurdische Rapper ohne Realschulabschluss beschreibt die Realität von Nichtdeutschen in dem dunklen, einfachen Land hinter dem Limes direkter, wahrer und damit poetischer als die Jungen und Mädchen aus der Chamisso-Besserungsanstalt. Aber ein Rapper will ja auch nicht in Klagenfurt lesen, er will nicht im Literarischen Colloquium am Wannsee Durs Grünbein spielen oder auf die Buchpreis-Shortlist kommen. Er will erstens Geld verdienen, zweitens die ihn nervenden Deutschen zurücknerven und drittens vor allem der bleiben, der er ist: kein Ausländer mehr, aber auch noch kein Deutscher.