Im Frühjahr 1915 hatten die Deutschen die Russen aus Ostpreußen wieder herausgedrängt, Anfang August zogen sie in Warschau ein. Bald darauf besetzten sie weitere Gebiete im Osten. Warschau und das polnische Kernland stellten sie unter eine deutsche Zivilverwaltung; es entstand das Generalgouvernement Warschau. Die nordöstliche Region Polens sowie Teile des heutigen Litauens, Lettlands (Kurland) und kleinere Teile des heutigen Weißrusslands kamen unter militärische Herrschaft. In der Sprache der Armee hieß dieses Gebiet, in dem rund drei Millionen Menschen lebten, das "Land des Oberbefehlshabers Ost" – kurz: Ober Ost. Hier erhielt Erich Ludendorff, der starke Mann im Osten und von August 1916 an neben Paul von Hindenburg Chef der Obersten Heeresleitung, die einmalige Gelegenheit, eine Utopie zu verwirklichen: nämlich ein besetztes Territorium ganz nach seinen Vorstellungen neu zu ordnen.

Das Land im Osten mit seiner ethnischen und religiösen Vielfalt sollte nach deutschem Bilde umgeformt und der Weg für eine dauerhafte Herrschaft geebnet werden. À la longue dachten Hindenburg und Ludendorff es sich als Teil des Reichs. Mal sprachen sie explizit von "Annexion", dann wieder hieß es "Grenzberichtigung", oder es war leicht verschwommen von "Angliederung" die Rede.

Der großen jüdischen Bevölkerungsgruppe hatte man zu Beginn des Krieges noch Toleranz zugesagt. In einem Aufruf, den die Oberste Leitung der verbündeten deutschen und österreichisch-ungarischen Armeen im Herbst 1914 in Russland verbreiten ließ, hatte sie ihr freie Entfaltung des kulturellen Lebens versprochen. Bis in die Gegenwart hieß diese Proklamation gern "Ludendorff-Aufruf", tatsächlich ging sie auf die Initiative und auf Entwürfe führender deutscher Zionisten zurück.

Juden sind die einzigen, denen die deutsche Armee trauen kann

Die deutschen Zionisten hatten bereits vor dem Krieg ein "Komitee zur Befreiung der russischen Juden" gegründet; Mitte August 1914 war es in "Komitee für den Osten" (KfdO) umbenannt worden. Sie sahen die Ostjuden als "Pioniere deutscher Kultur". "Es ist anerkannt worden", heißt es in einer Denkschrift des KfdO, "daß das Deutschtum in der neuen Ostmark sich auf keine andere Bevölkerungsschicht mit so großem Vertrauen stützen kann als auf [...] die Juden." Anfang Oktober 1914 war eine kleine zionistische Delegation im Hauptquartier Ost empfangen worden. Der Kölner Max Bodenheimer trug Hindenburg und Ludendorff entsprechende Gedanken vor. Die beiden Herren zeigten sich geneigt, zumal die anwesenden Offiziere bestätigten, dass die jüdische Bevölkerungsgruppe die einzige sei, der das deutsche Armee-Kommando trauen könne. Die christlich-polnische Bevölkerung erweise sich hingegen als "wenig zuverlässig".

Viele Zionisten glaubten damals noch, im Schutz der deutschen Armee den Ostjuden helfen zu können, die im Zarenreich unter vielfältiger Diskriminierung bis hin zu brutalen Pogromen litten. Die Militärs ihrerseits dachten daran, die "Sonderart" der Ostjuden für die Zwecke ihrer Kriegsführung zu nutzen. Bereits im August 1914 hatte die Oberste Heeresleitung mit zionistischer Unterstützung die jiddischsprachige Kriegszeitung Kol Mewasser ("Verkündende Stimme") herausgebracht, die man im eroberten Gebiet verbreitete und durch Flieger jenseits der Grenze über russischem Territorium zigtausendfach abwerfen ließ.

Solche Aktionen hatten allerdings für die jüdische Bevölkerung fatale Folgen: Die russischen Machthaber verdächtigten sie der Zusammenarbeit mit dem Feind und verschleppten mehr als 500.000 Menschen ins Landesinnere. Auch kam es zu neuen Übergriffen und Lynchmorden an Juden, die man als "Spione" entlarvt hatte.

Doch bald schon mehrten sich in Berlin die Stimmen, die vor den Zionisten warnten und für einen härteren Kurs in der "Judenpolitik" eintraten. So wollte der frühere Generalkonsul in Warschau, August Freiherr von Brück, der bei der Reichsregierung im Ruf eines "Polenexperten" stand, von einer "Gewinnung" der jüdischen Bevölkerung nichts wissen. Anfang November 1914 erläuterte er Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg seine Bedenken. Die Masse der Juden lebe in fürchterlicher Armut. Die Folge seien "Schmutz, Unwissenheit, physische und moralische Verkümmerung und ein kriecherisches und unterwürfiges Wesen".

"Menschmaterial" im Blick

Bei der Einrichtung von Ober Ost 1915/16, aber auch im Generalgouvernement, waren die Versprechen von Toleranz und Autonomie für die Juden längst vergessen. Militärs und Beamte führten sich wie Kolonialherren auf, die glaubten, "primitive" Völker mit den Segnungen deutscher Kultur beglücken zu können. Vor allem aber begannen die Deutschen in Abstimmung mit der Wirtschaft, kriegswichtige Ressourcen und technisches Gerät zu plündern. Dabei traf es besonders die Juden. Waren und landwirtschaftliche Produkte wurden requiriert, etliche Geschäfte und Fabriken mussten schließen. So raubte man den Juden langfristig ihre Existenzgrundlage und beschleunigte den Verarmungsprozess rapide.

Auch das "Menschenmaterial" selbst geriet in den Blick. Tausende jüdischer Männer und Frauen wurden zur Zwangsarbeit gepresst. Mancher wurde von der Straße weg verschleppt. Wer sich weigerte, so hieß es in einer Bekanntmachung der Besatzungsbehörde, hatte mit empfindlichen Strafen zu rechnen. Beim Entweichen eines "Zivilarbeiters" vom Heimatort drohte Sippenhaft: Aus der betroffenen Familie wurde eine "Ersatzperson" so lange zur Zwangsarbeit herangezogen, bis sich der Entwichene der Ortskommandantur gestellt hatte.

Eine Verordnung zur "Bekämpfung der Arbeitsscheu" sollte das Vorgehen legitimieren; in den Arbeitervierteln von Lodz veranstalteten deutsche Soldaten regelrechte Treibjagden. "Auf Grund dieser Verordnung", so heißt es im Vierteljahresbericht des Verwaltungschefs von Warschau für das letzte Quartal 1916, "sind im Generalgouvernement rund 5.000 vorwiegend jüdische Arbeiter zwangsweise ausgehoben worden. [...] Von den ausgehobenen Arbeitern sind rund 2400 in Zwangsarbeiter-Bataillone eingereiht worden."