Sie tun immer noch so, als sei alles wie früher. Ein Montag im Februar, im Atrium der Berliner FDP-Zentrale stehen eine kleine Bühne und vier Stuhlreihen. Am Vormittag hat das Präsidium getagt, um 13 Uhr will Parteichef Christian Lindner der Hauptstadtpresse die Ergebnisse verkünden. Als die FDP noch Regierungspartei war, reichten die Plätze für die Journalisten oft nicht aus. Jetzt, um zehn vor eins, sind alle 32 Stühle leer.

Als Lindner um 13.02 Uhr erscheint, haben sich sechs Journalisten eingefunden. Lindner sagt ein paar Sätze zur Schweizer Volksabstimmung, zur Sicherheitspolitik, zur Energiewende. "Gibt es Nachfragen?", sagt der Pressesprecher. Niemand meldet sich. "Gut, dann danken wir für Ihr Interesse", sagt der Sprecher. "Na, Moment", sagt Lindner, "wir können ja noch andere Fragen zulassen!" Zwei Journalisten erbarmen sich. Um 13.22 Uhr ist alles gesagt, Lindner tritt von der Bühne. Am nächsten Tag steht von all seinen Worten ein einziger Satz in einer einzigen Zeitung.

Fünf Monate nach den verheerenden 4,8 Prozent bei der Bundestagswahl ringt die FDP um Aufmerksamkeit, um ihre Daseinsberechtigung. Demoskopen zeichnen von ihr ein seltsames Bild. Sie messen immer wieder hohe Potenziale für eine liberale Partei, deutschlandweit über 20 Prozent. Nach einer neuen Umfrage bedauert ein Viertel der Deutschen sogar, dass die FDP nicht mehr im Bundestag sitzt. Wählen würden sie trotzdem die wenigsten: In der Sonntagsfrage klebt die FDP immer noch bei vier bis fünf Prozent. Es scheint eine Sehnsucht nach der FDP zu geben, welche die Partei selbst aber nicht erfüllt.

Ihr Problem ist viel größer als ihr niedriger Wert in den Umfragen. Die liberalisierte Gesellschaft hat die liberale FDP längst überholt. Sie wirkt in Teilen seltsam gestrig, wie ein Möbelstück der alten Bundesrepublik. Ihre Stammklientel schrumpft, neue Wähler kommen nicht dazu. Eine Strategie für das digitale Zeitalter hat die FDP bis heute nicht entwickelt. Deshalb hat Lindner eine kaum lösbare Aufgabe vor sich: In den kommenden drei Jahren muss er die FDP ganz neu verkaufen und in der öffentlichen Debatte halten, er muss so viele Anhänger zurückgewinnen, dass es bei der nächsten Bundestagswahl 2017 zumindest für den Wiedereinzug reicht. Mit braven Statements zur Energiewende wird er das kaum schaffen. Die Versuchung, populistische Töne anzuschlagen, wird groß sein. Gleichzeitig ahnt Lindner, dass die alten Erfolgsrezepte der FDP nicht mehr wirken. Warum ist das so? Und wie geht die Partei damit um?

In Marco Buschmanns neuem Büro im Thomas-Dehler-Haus hängt ein großes Bild über der Sitzecke, es zeigt den Reichstag. "Das erinnert mich jeden Tag daran, wo es 2017 hingehen soll: zurück in den Bundestag", sagt Buschmann. An diesem Ziel wird auch er gemessen werden. Buschmann ist der neue politische Geschäftsführer der FDP. Das Amt hat Parteichef Lindner vor wenigen Wochen extra eingerichtet und mit einem Vertrauten besetzt: Er und Buschmann sind beide Mitte dreißig, stammen aus Nordrhein-Westfalen und saßen 2009 bis 2013 gemeinsam im Bundestag. Nun soll der Jurist als eine Art Gehirn der Berliner Parteizentrale eine neue Strategie für die Bundes-FDP entwickeln.

Das Gespräch dauert noch keine fünf Minuten, als Buschmann sagt, man habe jetzt die Chance, Politik neu zu erfinden. Er will nicht bloß das ewige Pingpong aus Statements und Gegen-Statements spielen, sondern die großen Themen angehen. Den demografischen Wandel. Den Sozialstaat. Das Problem ist, dass Buschmann vor dem Neustart erst noch die Altlasten bewältigen muss. Sie liegen vor ihm auf dem Besprechungstisch, in Form eines Diagramms, das er auf ein Blatt Papier gekritzelt hat.

Das Blatt zeigt zwei Achsen, die sich kreuzen. Die senkrechte Achse beschreibt den Blick auf die Zukunft: Sieht man ihr offen oder ängstlich entgegen? Die waagerechte Achse meint das Menschenbild: Individualismus versus Gemeinschaft. Im Jahr 2009, sagt Buschmann, hätten die Wähler die FDP als eine Partei wahrgenommen, die für einen zuversichtlichen Individualismus stand, als Kreuz im "guten" Mittelfeld. Doch inzwischen gelte die FDP als Partei der radikalen Egoisten, die vor der Zukunft vor allem Angst haben.