Uwe Kamps darf sich nicht beklagen. Er hat prophezeit, wozu das führen wird. Wenn sein Lieblingstorwartschüler weiter auf dem Niveau bliebe, könnten "gewisse Dinge richtig interessant für ihn" werden, hat Kamps gesagt. Das ist mehr als zwei Jahre her, und nun ist es soweit. Jetzt werden gewisse Dinge richtig interessant, der Schüler Marc-André ter Stegen wird den Lehrer Uwe Kamps verlassen.

Die Hiobsbotschaft ist rund sechs Wochen alt. Im Januar teilte der 21-jährige Torhüter ter Stegen seinem Verein Borussia Mönchengladbach mit, dass er nun bereit sei für den nächsten Karriereschritt. Leicht fiel das dem jungen Fußballer nicht. Er sei "sichtlich gerührt" gewesen, sagen diejenigen, die dabei waren, fast habe er geweint. Ter Stegen ist seit dem vierten Lebensjahr im Verein aktiv. Bereits sein Großvater leitete als Polizist die Einsätze zu den Spielen am Bökelberg, Borussias alter Spielstätte. Der Enkel durchlief alle Mannschaften des Vereins. Als Schüler stand ter Stegen auf der Tribüne, um sein Idol Marcel Ketelaer anzufeuern.

Beziehungen zwischen Torwarttrainer und Talent sind oft besonders intensiv. So ist es auch bei Kamps und ter Stegen, die beiden sind mehr als Lehrling und Lehrer, sie sind Komplizen, weil sie in einer Parallelwelt zum Rest der Mannschaft leben. Natürlich geht es dem Trainer Uwe Kamps darum, dass sich sein Spieler weiterentwickelt. Er möchte ter Stegen Wurzeln geben, aber auch Flügel schenken, damit er irgendwann losfliegen und alleine bestehen kann. Geht das jedoch so schnell wie im Fall von Marc-André ter Stegen, dann wird dem Coach ein bisschen mulmig. "Es hätte ihm auch gut getan, noch zwei Jahre hier zu bleiben und mit uns international zu spielen", sagt Kamps.

Hier geht einer, der sich noch entwickelt, ein großes Risiko ein – gelockt vom Geld

Ein Vereinswechsel ist bei einem Torhüter, der schon viele Jahre erfolgreich auf höchstem Niveau gespielt hat, nicht ungewöhnlich. Bei einem 21-Jährigen aber merkt die gesamte Bundesliga auf: Hier geht einer, der sich noch entwickelt, gelockt von viel Geld und Ruhm ein großes Risiko ein. Es gibt Beispiele junger Torhüter, die im Ausland Schwierigkeiten bekamen, taumelten und abstürzten. Torwarttrainer Uwe Kamps hat seinen Schüler wiederholt gewarnt – ohne Erfolg. "Hier könnte er auch mal länger als zwei bis drei Monate eine schwierige Phase durchlaufen", sagt Kamps. Er weiß aber auch, dass gerade ter Stegen das Potenzial und die Nerven hat, um sich in einem Topverein durchzusetzen. Er könnte einer der besten Torhüter Europas werden, sagt Kamps. Also ist das "vielleicht auch eine einmalige Chance", etwas, "das man akzeptieren muss". Kamps ist sich selbst nicht ganz sicher, welche Entscheidung die richtige ist.

Wohin ter Stegen wechseln wird, ist noch nicht bekannt – jedenfalls nicht offiziell. Seit Wochen observieren Beobachter aus Spanien die Spiele der Gladbacher. Bayern Münchens Trainer Pep Guardiola hat ter Stegen als einen der besten Torhüter der Welt bezeichnet, an dem der FC Barcelona seine Freude haben würde. Die Katalanen also – ausgerechnet der FC Barcelona, der erfolgreichste Club des vergangenen Jahrzehnts, soll es sein. Von einer Ablöse zwischen 12 und 17 Millionen Euro ist die Rede. Ter Stegen soll bereits Spanisch lernen. Die Bestätigung könnte sich jedoch noch eine Weile hinziehen. Ter Stegens Berater Gerd vom Bruch, früher mal Trainer in Gladbach, behauptet, sein Klient habe nach wie vor verschiedene Offerten. Der umworbene ter Stegen bleibt ähnlich vage. "Wir werden sehen, was in den kommenden Monaten passiert." Er hat lange überlegt, ob er mit uns über seinen Wechsel sprechen solle und sich dann doch dagegen entschieden. Zu frühe Freude könnte ein Risiko bedeuten. Es scheint, als beherrsche der 21-jährige ter Stegen die Mechanismen des Fußballgeschäftes, dieses ewige Taktieren und Täuschen, bereits außergewöhnlich gut. Trotz des Katz-und-Maus-Spiels pariert er die Bälle während des Spiels seit Wochen auf konstant hohem professionellem Niveau. Für einen Torwart ist die psychische Robustheit mindestens so wichtig wie die Oberarmmuskulatur.

Das Werben um ter Stegen zeigt, wie sich das Anforderungsprofil auf dieser Position gewandelt hat. Ter Stegen ist nicht nur wegen seiner grandiosen Reflexe auf den Wunschlisten vieler europäischer Vereine. Auch als Spielmacher ragt er heraus. Pro Partie gelingen ihm im Schnitt 40 gezielte Pässe, mit denen er einen Angriff sinnvoll eröffnet. Damit liegt er deutlich vor Nationaltorwart Manuel Neuer. Bei diesem sind es im Schnitt 25. So häufig wie ter Stegen berührten in der Hinrunde nicht mal die Gladbacher Stürmer den Ball pro Partie.

Beim FC Barcelona wird genau der Fußball gespielt, für den ter Stegen wie geschaffen ist: Der Torwart wird gleichsam wie ein Libero mit Handschuhen in das Spiel einbezogen, um dem gegnerischen Pressing den Druck zu nehmen. Der Ballbesitz steht über allem, das Team um den dreifachen Weltfußballer Lionel Messi, Iniesta und Xavi will mithilfe von endlosen Kurzpass-Stafetten den Gegner beherrschen – bis sich irgendwann zwischen den Reihen die entscheidende Lücke zum Angriff auftut.