FußballEin Überflieger

Der Gladbacher Torwart Marc-André ter Stegen, gerade 21 Jahre alt, steht vor dem Wechsel zum FC Barcelona, dem besten Verein der Welt. Kann das gut gehen? von Bertram Job


Marc-André ter Stegen

Marc-André ter Stegen  |  © Stuart Franklin/Bongarts/Getty Images

Uwe Kamps darf sich nicht beklagen. Er hat prophezeit, wozu das führen wird. Wenn sein Lieblingstorwartschüler weiter auf dem Niveau bliebe, könnten "gewisse Dinge richtig interessant für ihn" werden, hat Kamps gesagt. Das ist mehr als zwei Jahre her, und nun ist es soweit. Jetzt werden gewisse Dinge richtig interessant, der Schüler Marc-André ter Stegen wird den Lehrer Uwe Kamps verlassen.

Die Hiobsbotschaft ist rund sechs Wochen alt. Im Januar teilte der 21-jährige Torhüter ter Stegen seinem Verein Borussia Mönchengladbach mit, dass er nun bereit sei für den nächsten Karriereschritt. Leicht fiel das dem jungen Fußballer nicht. Er sei "sichtlich gerührt" gewesen, sagen diejenigen, die dabei waren, fast habe er geweint. Ter Stegen ist seit dem vierten Lebensjahr im Verein aktiv. Bereits sein Großvater leitete als Polizist die Einsätze zu den Spielen am Bökelberg, Borussias alter Spielstätte. Der Enkel durchlief alle Mannschaften des Vereins. Als Schüler stand ter Stegen auf der Tribüne, um sein Idol Marcel Ketelaer anzufeuern.

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Beziehungen zwischen Torwarttrainer und Talent sind oft besonders intensiv. So ist es auch bei Kamps und ter Stegen, die beiden sind mehr als Lehrling und Lehrer, sie sind Komplizen, weil sie in einer Parallelwelt zum Rest der Mannschaft leben. Natürlich geht es dem Trainer Uwe Kamps darum, dass sich sein Spieler weiterentwickelt. Er möchte ter Stegen Wurzeln geben, aber auch Flügel schenken, damit er irgendwann losfliegen und alleine bestehen kann. Geht das jedoch so schnell wie im Fall von Marc-André ter Stegen, dann wird dem Coach ein bisschen mulmig. "Es hätte ihm auch gut getan, noch zwei Jahre hier zu bleiben und mit uns international zu spielen", sagt Kamps.

Hier geht einer, der sich noch entwickelt, ein großes Risiko ein – gelockt vom Geld

Ein Vereinswechsel ist bei einem Torhüter, der schon viele Jahre erfolgreich auf höchstem Niveau gespielt hat, nicht ungewöhnlich. Bei einem 21-Jährigen aber merkt die gesamte Bundesliga auf: Hier geht einer, der sich noch entwickelt, gelockt von viel Geld und Ruhm ein großes Risiko ein. Es gibt Beispiele junger Torhüter, die im Ausland Schwierigkeiten bekamen, taumelten und abstürzten. Torwarttrainer Uwe Kamps hat seinen Schüler wiederholt gewarnt – ohne Erfolg. "Hier könnte er auch mal länger als zwei bis drei Monate eine schwierige Phase durchlaufen", sagt Kamps. Er weiß aber auch, dass gerade ter Stegen das Potenzial und die Nerven hat, um sich in einem Topverein durchzusetzen. Er könnte einer der besten Torhüter Europas werden, sagt Kamps. Also ist das "vielleicht auch eine einmalige Chance", etwas, "das man akzeptieren muss". Kamps ist sich selbst nicht ganz sicher, welche Entscheidung die richtige ist.

Marc-André ter Stegen

kommt am 30. April 1992 in Mönchengladbach zur Welt. Er spielt seit 2009 für Borussia Mönchengladbach, im Juli 2011 unterschreibt er einen Profivertrag. Bereits mit 16 Jahren debütiert er in der Nationalmannschaft, arbeitet sich Schritt für Schritt über die Jugendmannschaften hoch in die A-Mannschaft. In seinen ersten drei Einsätzen kassierte ter Stegen insgesamt zwölf Tore, ob er bei der WM in Brasilien mitspielt, ist noch offen.

Wohin ter Stegen wechseln wird, ist noch nicht bekannt – jedenfalls nicht offiziell. Seit Wochen observieren Beobachter aus Spanien die Spiele der Gladbacher. Bayern Münchens Trainer Pep Guardiola hat ter Stegen als einen der besten Torhüter der Welt bezeichnet, an dem der FC Barcelona seine Freude haben würde. Die Katalanen also – ausgerechnet der FC Barcelona, der erfolgreichste Club des vergangenen Jahrzehnts, soll es sein. Von einer Ablöse zwischen 12 und 17 Millionen Euro ist die Rede. Ter Stegen soll bereits Spanisch lernen. Die Bestätigung könnte sich jedoch noch eine Weile hinziehen. Ter Stegens Berater Gerd vom Bruch, früher mal Trainer in Gladbach, behauptet, sein Klient habe nach wie vor verschiedene Offerten. Der umworbene ter Stegen bleibt ähnlich vage. "Wir werden sehen, was in den kommenden Monaten passiert." Er hat lange überlegt, ob er mit uns über seinen Wechsel sprechen solle und sich dann doch dagegen entschieden. Zu frühe Freude könnte ein Risiko bedeuten. Es scheint, als beherrsche der 21-jährige ter Stegen die Mechanismen des Fußballgeschäftes, dieses ewige Taktieren und Täuschen, bereits außergewöhnlich gut. Trotz des Katz-und-Maus-Spiels pariert er die Bälle während des Spiels seit Wochen auf konstant hohem professionellem Niveau. Für einen Torwart ist die psychische Robustheit mindestens so wichtig wie die Oberarmmuskulatur.

Das Werben um ter Stegen zeigt, wie sich das Anforderungsprofil auf dieser Position gewandelt hat. Ter Stegen ist nicht nur wegen seiner grandiosen Reflexe auf den Wunschlisten vieler europäischer Vereine. Auch als Spielmacher ragt er heraus. Pro Partie gelingen ihm im Schnitt 40 gezielte Pässe, mit denen er einen Angriff sinnvoll eröffnet. Damit liegt er deutlich vor Nationaltorwart Manuel Neuer. Bei diesem sind es im Schnitt 25. So häufig wie ter Stegen berührten in der Hinrunde nicht mal die Gladbacher Stürmer den Ball pro Partie.

Beim FC Barcelona wird genau der Fußball gespielt, für den ter Stegen wie geschaffen ist: Der Torwart wird gleichsam wie ein Libero mit Handschuhen in das Spiel einbezogen, um dem gegnerischen Pressing den Druck zu nehmen. Der Ballbesitz steht über allem, das Team um den dreifachen Weltfußballer Lionel Messi, Iniesta und Xavi will mithilfe von endlosen Kurzpass-Stafetten den Gegner beherrschen – bis sich irgendwann zwischen den Reihen die entscheidende Lücke zum Angriff auftut.

Leserkommentare
  1. 1. Regeln

    "Seit es die Regeln einem Torwart untersagen, den Ball im Strafraum mehr als einmal aufzunehmen,..."

    Diese Regel mag zwar auch eine Rolle spielen, deutlich relevanter ist doch aber die Einführung der Rückpassregel!

    Eine Leserempfehlung
  2. ...wohl zum besten Verein der Welt? Hab gar nicht gewusst, dass Manuel Neuer Konkurrenz bekommt...

    6 Leserempfehlungen
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    • dacapo
    • 27. Februar 2014 18:41 Uhr

    ....... bis dahin ist es noch Barca. Geduld, Deduld.

  3. "Pro Partie gelingen ihm im Schnitt 40 gezielte Pässe, mit denen er einen Angriff sinnvoll eröffnet. Damit liegt er deutlich vor Nationaltorwart Manuel Neuer."

    Wie oft berührt denn Manuel Neuer überhaupt mal den Ball in einem typischen Bundesligaspiel? Der bekommt doch höchstens mal einen Mitleidsrückpass, wenn es gut für die Bayern läuft...

    5 Leserempfehlungen
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    • CorinK
    • 27. Februar 2014 16:20 Uhr

    Neuers 25 "gezielte Pässe, mit denen er einen Angriff sinnvoll eröffnet" werden wohl in etwa Neuers Ballkontakten während eines durchschnittlichen Bundesligaspiels entsprechen.

    • LTank
    • 27. Februar 2014 16:53 Uhr

    Sowas dachte ich auch. Neuer und ter Stegen einander gegenüberzustellen macht wenig Sinn. In Wahrheit sind beide Vorzeigeexemplare des ultramodernen Torhüterspiels. Wenn man da in der Bundesliga ein Gegenbeispiel haben will, dann kann man zum Beispiel Roman Weidenfeller nennen. Auch ein guter Torwart - letzte Saison sogar absolut überragend - aber spielerisch eher konservativ. Ein konservativer Torhüter hat zwar auch seine Stärken, insgesamt hat es aber einen Grund, warum sich das moderne Torhüterspiel entwickelt hat. Es ist insgesamt einfach besser.

    Der bisherige Torhüter des FC Barcelona, Victor Valdes, ist übrigens auch ein Vorzeigeexemplar des modernen Torhüters. Man liest ab und an, er sei bei Barcelona das schwächste Glied, aber das ist ziemlicher Quatsch. Ter Stegen tritt also in große Fußstapfen. Ich traue es ihm aber absolut zu, in Barcelona eine Weltkarriere zu starten. Die Qualität hat er und stilistisch passt er - wie der Artikel ganz richtig festhält - ebenfalls zum Team.

    Nun kann Barcelona ein echtes Haifischbecken sein. Weniger das Team und der Trainer, aber die Vereinsleitung und die Medien können einem jungen Spieler Probleme bereiten. Zumal Valdes auf dem Höhepunkt seines Schaffens abtritt. Es könnten also schnell Stimmen laut werden, die ihn zurückhaben wollen. Da ist dann die Nervenstärke von ter Stegen gefragt.

    Alles in allem freue ich mich aber über den Wechsel und glaube, dass ter Stegen das schaffen wird.

    Hier gibts eine genauere Statistik:
    http://spielverlagerung.d...

    • CorinK
    • 27. Februar 2014 16:20 Uhr

    Neuers 25 "gezielte Pässe, mit denen er einen Angriff sinnvoll eröffnet" werden wohl in etwa Neuers Ballkontakten während eines durchschnittlichen Bundesligaspiels entsprechen.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Äpfel und Birnen"
    • LTank
    • 27. Februar 2014 16:53 Uhr

    Sowas dachte ich auch. Neuer und ter Stegen einander gegenüberzustellen macht wenig Sinn. In Wahrheit sind beide Vorzeigeexemplare des ultramodernen Torhüterspiels. Wenn man da in der Bundesliga ein Gegenbeispiel haben will, dann kann man zum Beispiel Roman Weidenfeller nennen. Auch ein guter Torwart - letzte Saison sogar absolut überragend - aber spielerisch eher konservativ. Ein konservativer Torhüter hat zwar auch seine Stärken, insgesamt hat es aber einen Grund, warum sich das moderne Torhüterspiel entwickelt hat. Es ist insgesamt einfach besser.

    Der bisherige Torhüter des FC Barcelona, Victor Valdes, ist übrigens auch ein Vorzeigeexemplar des modernen Torhüters. Man liest ab und an, er sei bei Barcelona das schwächste Glied, aber das ist ziemlicher Quatsch. Ter Stegen tritt also in große Fußstapfen. Ich traue es ihm aber absolut zu, in Barcelona eine Weltkarriere zu starten. Die Qualität hat er und stilistisch passt er - wie der Artikel ganz richtig festhält - ebenfalls zum Team.

    Nun kann Barcelona ein echtes Haifischbecken sein. Weniger das Team und der Trainer, aber die Vereinsleitung und die Medien können einem jungen Spieler Probleme bereiten. Zumal Valdes auf dem Höhepunkt seines Schaffens abtritt. Es könnten also schnell Stimmen laut werden, die ihn zurückhaben wollen. Da ist dann die Nervenstärke von ter Stegen gefragt.

    Alles in allem freue ich mich aber über den Wechsel und glaube, dass ter Stegen das schaffen wird.

    2 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Äpfel und Birnen"
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    • KG
    • 27. Februar 2014 17:22 Uhr

    Es stimmt, Valdes hat einen passenden Stil für Barca, seine Positionierung ist meist ganz gut, er kommt auch zum richtigen Zeitpunkt raus.
    Aber ich finde auch seine Paradefähigkeit, also seine Reflexe, sein Breitmachen im 1 gegen 1 nur durchschnittlich - von Weltklasse wirklich weit entfernt.
    Und sein größtes Manko: Er spielt zu viel mit - oder eher er versucht mehr mitzuspielen als er wirklich kann. Versucht dann den gegnerischen Stürmer zu verladen, bevor er passt, - klappt natürlich nicht - schon hat der Gegner ein Tor. Wenn ter Stegen in der Eingewöhnungszeit die Nerven behält und es schafft mit der heftigeren Kritik umzugehen, die ihm in Barcelona entgegenschlagen wird, wird der Job für ihn leicht - denn was die eigentlichen Fähigkeiten angeht, sehe ich ihn weit vor Valdes.

    • KG
    • 27. Februar 2014 17:22 Uhr

    Es stimmt, Valdes hat einen passenden Stil für Barca, seine Positionierung ist meist ganz gut, er kommt auch zum richtigen Zeitpunkt raus.
    Aber ich finde auch seine Paradefähigkeit, also seine Reflexe, sein Breitmachen im 1 gegen 1 nur durchschnittlich - von Weltklasse wirklich weit entfernt.
    Und sein größtes Manko: Er spielt zu viel mit - oder eher er versucht mehr mitzuspielen als er wirklich kann. Versucht dann den gegnerischen Stürmer zu verladen, bevor er passt, - klappt natürlich nicht - schon hat der Gegner ein Tor. Wenn ter Stegen in der Eingewöhnungszeit die Nerven behält und es schafft mit der heftigeren Kritik umzugehen, die ihm in Barcelona entgegenschlagen wird, wird der Job für ihn leicht - denn was die eigentlichen Fähigkeiten angeht, sehe ich ihn weit vor Valdes.

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    • LTank
    • 27. Februar 2014 17:57 Uhr

    Ich ahne auf welchen Verdribbler von Valdes sie anspielen - Clasico gegen Madrid, richtig? Passiert Valdes aber wirklich nur einmal alle Jubeljahre. Auch versucht er nur sehr selten, den Gegenspieler zu umdribbeln. Vielleicht einmal alle 15-20 Spiele. Da ist Barcelonas Ersatztorhüter Pinto schon deutlich waghalsiger.

    Valdes Modernität drückt sich vor allem in seinem Passspiel aus. Er traut sich Pässe zu, die andere Torhüter nicht spielen. Auch hierbei ist seine Fehlerquote - abgesehen von einer schwächeren letzten Saison - nicht der Rede wert.

    Auch den nächsten von Ihnen angesprochenen Punkt, Valdes' Fähigkeit im 1vs1, sehe ich als eine seiner großen Stärken. Grade so von 2008-2011 hatte er aufgrund der hochstehenden Viererkette relativ viele solche Situationen und löste sie meist extrem gut.

    Was Valdes aus meiner Sicht daran hindert nun der absolute Übertorwart zu sein (heutzutage gleichbedeutend mit: so gut wie Manuel Neuer zu sein) ist sein konventionelles Torwartspiel. Was die Arbeit auf der Linie und im Strafraum angeht finde ich ihn nicht mehr als ordentlich. Auch nicht weniger, aber nicht mehr.

    Langt aber trotzdem dafür, dass Valdes einer der besten Torhüter der letzten 5 Jahre ist.

  4. seine Nationaltorhüterkarriere beendet. Ich kann mich nicht erinnern das jemals ein Nike Torhüter etwas beim DFB zu melden hatte.
    Aber hey nach Bernd Schuster endlich mal wieder ein Deutscher im Camp Nou. Mehr kann man als Spieler nicht erreichen und die Stadt ist wunderbar. Schade für Favre aber zum Glück hatte der Nachwuchs im Bereich Torhüter nie Probleme

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    • Exist
    • 28. Februar 2014 8:53 Uhr

    Jens Lehmann, gesponsert von Nike, hat eine durchaus nicht unwichtige Rolle im Tor der Nationalmannschaft gespielt.

    Auch war Robert Enke (R.I.P) der letzte Deutsche beim FC Barcelona. Leider zum falschen Zeitpunkt unter dem falschen Trainer.

    • LTank
    • 27. Februar 2014 17:57 Uhr

    Ich ahne auf welchen Verdribbler von Valdes sie anspielen - Clasico gegen Madrid, richtig? Passiert Valdes aber wirklich nur einmal alle Jubeljahre. Auch versucht er nur sehr selten, den Gegenspieler zu umdribbeln. Vielleicht einmal alle 15-20 Spiele. Da ist Barcelonas Ersatztorhüter Pinto schon deutlich waghalsiger.

    Valdes Modernität drückt sich vor allem in seinem Passspiel aus. Er traut sich Pässe zu, die andere Torhüter nicht spielen. Auch hierbei ist seine Fehlerquote - abgesehen von einer schwächeren letzten Saison - nicht der Rede wert.

    Auch den nächsten von Ihnen angesprochenen Punkt, Valdes' Fähigkeit im 1vs1, sehe ich als eine seiner großen Stärken. Grade so von 2008-2011 hatte er aufgrund der hochstehenden Viererkette relativ viele solche Situationen und löste sie meist extrem gut.

    Was Valdes aus meiner Sicht daran hindert nun der absolute Übertorwart zu sein (heutzutage gleichbedeutend mit: so gut wie Manuel Neuer zu sein) ist sein konventionelles Torwartspiel. Was die Arbeit auf der Linie und im Strafraum angeht finde ich ihn nicht mehr als ordentlich. Auch nicht weniger, aber nicht mehr.

    Langt aber trotzdem dafür, dass Valdes einer der besten Torhüter der letzten 5 Jahre ist.

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