Seit Beginn der Euro-Krise halten sich Deutsche und Griechen gegenseitig vor, dass die einen bei den anderen Schulden hätten. In Berlin sitzt man durch die EU-Hilfsprogramme auf Bürgschaften und Krediten an Athen in zweistelliger Milliardenhöhe. In Griechenland rechnet man zurück. Viele Politiker und Medien erinnern an den Zweiten Weltkrieg und Deutschlands Schuld. Sie werfen den Deutschen vor, eine Zwangsanleihe aus den vierziger Jahren nie zurückgezahlt, monumentale Schäden angerichtet und eine riesige Blutspur in Griechenland hinterlassen zu haben. In Berlin halten viele diese Vorwürfe für Ausflüchte.

Nun fährt am 5. März der Bundespräsident nach Griechenland. Joachim Gauck nimmt die Griechen ernst und will auf seiner Reise auch über die Vergangenheit sprechen. Damit wird von deutscher Seite die ganze Geschichte von Schuld und Schulden in den Blick genommen. Ja, Deutschland hat Geld verliehen und haftet mit für griechische Schulden. Aber es hat mit Gesten gegeizt, die deutsche Schuld wenigstens anzuerkennen. Für solche Widersprüche hat Joachim Gauck einen Sinn. Er hat schon Oradour in Frankreich besucht, Lidice in Tschechien, Sant’Anna di Stazzema in Italien, Orte, an denen die SS und die Gestapo alles Leben vernichteten. In Griechenland fährt Gauck mit Staatspräsident Karolos Papoulias nach Lyngiades, ein Dorf, das hierzulande kaum jemand kennt. Gauck kommt nicht als Schuldenverhandler, nicht als Reformaufseher, sondern als Deutscher.

Lyngiades, Schauplatz eines deutschen Massakers im Zweiten Weltkrieg, liegt oberhalb der nordgriechischen Stadt Ioannina in der Region Epirus. In der Nacht zum 1. Oktober 1943 töteten griechische Partisanen einen Offizier der 1. Gebirgs-Division Edelweiß, einer von Hitler hochgeschätzten Elitetruppe. General Hubert Lanz gab Befehl, "diesen ruchlosen Banditenmord ... in einer schonungslosen Vergeltungsaktion" in 20 Kilometer Umkreis der Mordstelle zu "rächen". Die Wahl fiel auf Lyngiades, weil dort Maultiere gesichtet wurden, die Waffen hätten tragen können. Eine Überlebende, Eleni Cholevas, schilderte den Auftritt der Wehrmachtssoldaten so:

"Sie pferchten uns in den Keller des Hauses und schossen in die Menge. Eine Kugel traf meinen Geldbeutel, eine andere mein Kind ... Sein Gehirn flog in mein Gesicht ... Die Deutschen kamen in unregelmäßigen Abständen und feuerten blindlings, denn sie hörten das Geschrei der Kinder, die unter den Leichen lagen. In einer Hausecke sah ich mein anderes Kind zerstückelt. Der Keller füllte sich mit Rauch ... Eine Flammenzunge erreichte das Köpfchen meines Kindes."

Die Edelweiß-Gebirgsjäger brannten das Dorf nieder und ermordeten 82 Dorfbewohner, fast die Hälfte davon Kinder. Lyngiades war kein Einzelfall, sondern die brutale Normalität der deutschen Besatzung in Griechenland. In Ioannina bereiteten die Gebirgsjäger die Deportation der jüdischen Bevölkerung nach Auschwitz vor. In anderen Orten stopften Gebirgsjäger Kindern benzingetränkte Watte in die Münder und hielten Streichhölzer daran. Soldaten schlitzten eine schwangere Frau auf und legten ihr den Fötus in den Arm. Diese Truppe wehrte sich nicht gegen Partisanen, sie war eine brandschatzende Verbrecherbande.

In Griechenland gab es nicht ein Oradour, sondern viele Hunderte. Doch in Deutschland hat man davon wenig Notiz genommen. Im Gegenteil. Der Mythos von der Wehrmacht als anständiger Truppe wirkte bei vielen noch in den neunziger Jahren, als die Wehrmachtsausstellung des Hamburger Instituts für Sozialgeschichte einige Verbrechen dokumentierte. Kein Verantwortlicher für das Massaker von Lyngiades hat seine Strafe verbüßt. Die unteren Chargen wurden nicht gefasst. General Hubert Lanz und der Militärbefehlshaber für Griechenland Wilhelm Speidel wurden in Nürnberg 1948 verurteilt, kamen jedoch nach kurzer Haftzeit frei. Lanz machte dann Karriere als Sicherheitsexperte der FDP. In Bayern leitete er den Traditionsverband und ehrenhalber auch den Kameradenkreis der 1. Gebirgs-Division. Der Kameradenkreis arbeitete daran, alle späteren Gerichtsverfahren im Keim zu ersticken. CSU-Chef Franz Josef Strauß sprach vor den Kameraden, Edmund Stoiber war Mitglied.

In Berlin steht heute ein Denkmal für Naziopfer neben dem anderen. Wie kann es sein, dass die Verbrechen an den Griechen beschwiegen werden? In deutschen Schulbüchern findet man kaum ein Wort darüber. Die Medien erinnerten an den Holocaust, an Verbrechen in Russland und Polen, Griechenland war kein Thema. Auf Reisen nach Hellas mieden Bundeskanzler die Tatorte. Präsident Johannes Rau machte 2000 eine rühmliche Ausnahme, als er Kalavrita besuchte, wo die Wehrmacht 1943 fast 700 Zivilisten ermordet hatte. Richard von Weizsäcker besuchte eine Hinrichtungsstätte in Athen. Doch im Ganzen gehören die Verbrechen in Hellas nicht zum deutschen Erinnerungskanon, und das schmerzt die Griechen. Joachim Gauck fährt also zur rechten Zeit.