Alle Kolumnen von Harald Martenstein aus dem ZEITmagazin zum Nachlesen © C. Bertelsmann

Die Zukunft? Ich kenne sie. Ich habe ihre Bekanntschaft gemacht. Ein Menschheitstraum wurde für mich wahr, Brüder und Schwestern.

Natürlich kenne ich nicht die gesamte Zukunft, wer könnte sich das auch alles merken. Wen interessiert die Zukunft des Puffreishandels? Mich nicht. Aber die eigene Zukunft, die ist interessant. Ihr könnt das auch haben, ihr könnt erfahren, wie eure Geschichte ausgeht. Möchtet ihr das?

Es gibt eine Organisation, die 23andMe heißt. Für 99 Dollar entschlüsseln sie deine Gene. Es geht zurzeit nur in den USA, in Deutschland ist es verboten. Ein Freund, der sich als Wissenschaftler mit Genen befasst, hat es für sich machen lassen, er hält die Sache für seriös. Es stimmt alles. Was sie herausfinden. Also habe ich ein Wattestäbchen in den neugierigen Mund gesteckt, habe kräftig gerührt und meine Spucke in einem Päckchen an die Firma 23andMe geschickt.

Sechs Wochen später kamen die Ergebnisse. Der harmlose Teil besteht darin, dass du Namen und E-Mail-Adressen von etlichen Cousins oder Cousinen vierten, fünften oder sechsten Grades erhältst, die mit ihren Genen in Neuseeland oder auf den Kapverdischen Inseln wohnen. Sagt mir, was soll ich mit einer viertgradigen Cousine in Neuseeland?

Außerdem erfährt man, wie hoch der Anteil von Neandertaler-Genen ist, die man in sich trägt. Bei mir sind es fast vier Prozent. Ich bin der letzte Neandertaler. Ich bin ein Opfer von euch Menschen. Meine übrigen Ahnen stammen, da war ich zum ersten Mal überrascht, zu einem Prozent aus Afrika. Genetisch bin ich zu einem Prozent schwarz. Barack Obama hat Wurzeln in Schwaben, das sieht man ihm auch nicht an. Mein Schwaben ist das Kongo-Delta. Deshalb habe ich wohl diese vielen Blues-Platten.

Verwandt mit Desmond Tutu und Napoléon Bonaparte

Unter den berühmten Menschen, deren Gene bekannt sind, gibt es zwei, mit denen ich nachweislich verwandt bin, es sind der südafrikanische Bischof Desmond Tutu, mein alter Onkel Tutu, sowie Napoléon Bonaparte. Vermutlich deswegen bin ich relativ klein, esse gerne französisch und bin für die Monarchie.

Der zweite Teil des Genreports betrifft die Gesundheit. Es gibt ein paar Krankheiten, für die ich keine Veranlagung besitze. So gut wie sicher kriege ich keine Gicht. Bei zwei Krankheiten aber ist die Veranlagung, wenn ich es mal laienhaft ausdrücken darf, deutlich erhöht. Meine Wahrscheinlichkeit, an Alzheimer zu erkranken, ist doppelt so hoch wie beim Durchschnitt der Bevölkerung. Und so gut wie sicher kriege ich, wegen eines ererbten Gendefektes, im fortgeschrittenen Alter eine eklige seltene Krankheit mit einem unglaublich langen Namen, die unheilbar ist und nach durchschnittlich zehn Jahren tödlich, was in fortgeschrittenem Alter vielleicht kein großes Ding ist, zumal, wenn ich wegen Alzheimer nichts mehr mitkriege.

Die eklige Krankheit überspringt immer einige Generationen. Deshalb hat das niemand in unserer Familie, mein Sohn ist ungefährdet, nur meine Urururenkel werden schlecht auf mich zu sprechen sein. Die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Krankheit kriege, liegt bei 85 Prozent, so steht es in dem Bericht. 85 Prozent sind eine Menge, aber weniger als hundert. Ab 70 Jahren sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass es ausbricht.

Ich verbringe meine Abende am Computer, höre Blues und lese Krankheitsgeschichten. Brüder und Schwestern, ich rate ab von der Entschlüsselung der Gene. Und was die Menschheitsträume betrifft, bin ich in den meisten Fällen sowieso dagegen, dass sie wahr werden. Ich bin Neandertaler.

Harald Martenstein ist Redakteur des Tagesspiegels.

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