Das Gehirn arbeitet eben nicht nach dem Schubladenprinzip, wie manche Studien suggerieren, es zieht seine Leistung aus der hochdynamischen Vernetzung von rund 100 Milliarden Nervenzellen, die permanent miteinander interagieren. Wie das genau vor sich geht, weiß derzeit niemand. Klar ist aber: "Eine psychische Funktion wird an mehreren Gehirnorten realisiert, und ein Gehirnort ist an mehreren Funktionen beteiligt", wie es im neuen Memorandum heißt. Daher reiche es nicht, per Kernspin und anderen Methoden immer neue Daten zu sammeln, um die große Frage zu beantworten, wie das Gehirn arbeite und wie am Ende etwas wie Geist und Bewusstsein entstehe.

Rein biologisch kann man das Denken nicht erklären

Genau das aber hatten die Hirnforscher 2004 in Aussicht gestellt. In den nächsten 20 bis 30 Jahren werde man "widerspruchsfrei Geist, Bewusstsein, Gefühle, Willensakte und Handlungsfreiheit als natürliche Vorgänge ansehen, denn sie beruhen auf biologischen Prozessen". Dieser Satz klang so, als wüssten die Neurowissenschaftler bereits, wie man Geist, Bewusstsein et cetera alleine aus biologischen Vorgängen heraus erklären kann. Davon kann jedoch bis heute keine Rede sein.

Inzwischen muss man diesen Satz wohl so lesen, dass Gedanken und Gefühle auch auf biologischen Prozessen beruhen – was allerdings eine ziemlich banale Erkenntnis ist. Denn "in einem sehr trivialen Sinne", schreiben die Kritiker um Tretter, würden ja "alle menschlichen Leistungen ›auf biologischen Prozessen beruhen‹, denn man muss zum Beispiel atmen, um etwas zu leisten, woraus jedoch nicht folgt, dass alle menschlichen Leistungen als Atmung ›angesehen‹ werden können". Die Autoren des Manifests hätten hier notwendige und hinreichende Bedingungen vermischt.

Das Gehirn allein denkt gar nicht. Es ist immer die ganze Person, die etwas wahrnimmt.
Thomas Fuchs, Psychiater

Die Gegenposition formuliert am provokativsten der Psychiater Thomas Fuchs aus Heidelberg: "Das Gehirn allein denkt gar nicht", sagt Fuchs. Es sei "immer die ganze Person, die etwas wahrnimmt, überlegt, entscheidet, sich erinnert und so weiter, und nicht ein Neuron oder ein Cluster von Molekülen". Deshalb lasse sich menschliches Denken und Verhalten nur erklären, wenn man den ganzen Organismus und dessen Umwelt betrachte – womit auch kulturelle, soziale und moralische Dimensionen mit ins Spiel kommen.

Fuchs, Tretter und die anderen Unterzeichner des neuen Memorandums fordern daher eine neue Perspektive, eine "systemwissenschaftliche" Gesamtschau. Dazu seien einerseits neue, "konzeptionelle Theorieentwicklungen" nötig, zum anderen brauche es eine intensivere Zusammenarbeit der Hirnforscher mit Disziplinen wie der klinischen Psychologie, Systemforschung und Philosophie.

Eine ähnliche Forderung findet sich schon im alten Manifest – allerdings wird sie wirkungslos bleiben, solange an den Universitäten immer noch jede Disziplin bei der Vergabe von Forschungsgeldern eifersüchtig über ihre Pfründe wacht. So ist das neue Memorandum nicht weniger als ein Aufruf zur wissenschaftlichen Revolution.

Und das völlig zu Recht: Ohne diese Revolution wird ein besseres Verständnis des Menschen und seines Bewusstseins nicht zu haben sein.

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