Im April 2013 hält Konstantin Grcic vor Studenten der Harvard Graduate School of Design in Cambridge, Massachusetts, einen Vortrag. Der Industriedesigner führt dazu eine Diashow vor. Das erste Bild zeigt die Erde. Als Nächstes sehen die Studenten Bilder von Menschen, wie sie mit all ihren Besitztümern vor ihren Häusern sitzen. Amerikaner, Albaner, Japaner, umgeben von den Gegenständen, mit denen sie leben. Nun betritt der Zuschauer die Wohnräume dieser Menschen, er sieht die Objekte darin und wie sie arrangiert sind, er sieht die Personen, die sie angesammelt haben. Und endlich zeigt Konstantin Grcic ein Foto von seinem eigenen Studio. Von dem Ort, an dem er arbeitet. Dort, wo er sich mit den Dingen umgibt, die er geprägt hat – und die ihn prägen.

Das Video der Rede ist bei YouTube zu sehen. In ihm veranschaulicht Grcic, wie unmittelbar Produktdesign mit Orten zusammenhängt. Er beschäftigt sich mit dem menschlichen Verhältnis zu Gegenständen und zu ihrer Umgebung. Der Umgebung, in der sie benutzt werden, und den Orten, an denen sie geschaffen werden. Dass sein Atelier sich in München, "in the South of Germany", befindet, erwähnt er nur kurz bei seinem Vortrag. Dabei ist es ganz und gar nicht nebensächlich. Menschen wie Grcic haben München zur deutschen Design-Hauptstadt gemacht. Praktisch alles, was als neues deutsches Design gelobt wird, wird hier entworfen.

Grcic ist einer der wichtigsten Industriedesigner unserer Zeit, gewürdigt mit den höchsten Ehrungen seiner Zunft. Die erste Ausstellung zum Thema Design, die das Chicago Art Institute 2009 gezeigt hat, widmete sich ausschließlich ihm, einige seiner Arbeiten befinden sich in der permanenten Sammlung des New Yorker MoMA. Gerade ist in der Pariser Galerie kreo eine neue Ausstellung von ihm eröffnet worden.

Grcic ist zwar der bekannteste Münchner Designer – aber mittlerweile ist die Liste seiner prominenten Kollegen lang. Neben ihm leben und arbeiten dort auch noch seine ehemaligen Schüler Stefan Diez und Clemens Weisshaar, beide weltweit etablierte, feste Größen im Industriedesign, und in deren Nachfolge wächst an der Isar derzeit die dritte Generation hochtalentierter, erfolgreicher Nachwuchskräfte heran. Leute wie Steffen Kehrle, der sich als Schüler von Stefan Diez vor einigen Jahren selbstständig gemacht hat. Seither hat er das Stadtbild Münchens bereits ein wenig mitgeprägt: durch Lichtkästen an der Staatsoper und eine Lichtinstallation in einer Unterführung in Freimann. Man könnte einen Stammbaum der Münchner Designerszene zeichnen, der sich, von Grcic ausgehend, immer weiter verzweigt, aber fest in München verwurzelt bleibt. Ausgerechnet in München. Nicht gerade der ersten Stadt, an die man denken würde, wenn es um die Gestaltung globaler Gegenwart geht. Man würde ein solches Phänomen eher in Berlin vermuten, oder in London, oder in Rio. Dort, wo die hippen Kreativen rumhängen. Aber warum sitzen überhaupt so viele so gute Leute an der Isar?

Über dem Atelier von Konstantin Grcic in der Schillerstraße befindet sich eine Art Archiv, in dem zwischen lauter Regalen voller Ordner, zwischen lauter alten Entwürfen auch einige seiner bekanntesten Arbeiten stehen, der Chair One zum Beispiel und der 360, diese Stühle, die man einmal sieht und danach nicht wieder vergisst. Auf einem davon sitzt ihr Erfinder selbst und erklärt, er sei nach dem Studium tatsächlich einfach in München gelandet. "Das war kein bewusster Entschluss, hier leben zu wollen, das hat sich so ergeben", sagt er. Grcic macht eine Pause, er denkt und redet nicht gleichzeitig, und dann lächelt er und spricht plötzlich über den Münchner Olympiapark. Wie gelungen dessen Gestaltung sei, dass der Ort noch immer frisch und gegenwärtig auf ihn wirke. Überhaupt, sagt Grcic dann, das Projekt Olympia sei "jetzt zwar lange her, aber München spürt es immer noch".

Vor den Spielen 1972 war München wohl wirklich eine ganz andere Stadt. Über das von den Bayern liebevoll so genannte "Millionendorf" schrieb das Time Magazine damals noch, es sei eine "spitzgiebelige, kopfsteinbepflasterte Ecke des Himmels, überschäumend von Doppelbier und bekränzt mit Weißwürstln". Vor Kurzem haben die Münchner erfolgreich eine Bewerbung für die Winterspiele 2022 verhindert. Zeitungsartikel aus dem Jahr 1972 belegen allerdings, dass sie schon damals keine Lust auf das Sportereignis hatten. "Scheiß Olympia. Wir wollen unser Ruah und unsern König Ludwig wiederhaben", stand überall in der Stadt auf Stickern zu lesen. Einer der Slogans, mit denen die Verwaltung ihre grantelnden Bürger über die endlosen Baustellen und gravierenden Veränderungen hinwegtrösten wollte, war dagegen "München wird modern". Es wurde massiv investiert: Das U- und S-Bahn-Netz wurde damals ausgebaut, die Innenstadt verkehrsberuhigt, es wurden Schnellstraßen um die Stadt gelegt, deren Luft damals so schlecht gewesen sein muss, wie man es sich heute beim Anblick der blitzeblanken Altstadt gar nicht mehr vorstellen kann.

Ob nun gegen den Willen der Einwohner oder nicht: Die Olympischen Spiele hätten München damals "zu mehr gemacht, als es war", sagt Konstantin Grcic. Es sei dadurch tatsächlich zu einer modernen Stadt geworden: "Durch Architektur, Städteplanung und bewusst gestaltetes Erscheinungsbild." Die Stadt, sagt der Designer, mache es einem leicht, in ihr zu leben. Und dann sagt Grcic noch: "Es geht darum, wie die Dinge hier funktionieren."