Dieser Mann muss größenwahnsinnig sein, ein politischer Desperado. Oder ist er vielleicht doch ein Retter in der Not? Dazu ein politisches Ausnahmetalent? Das ist das Mindeste, was einem jetzt zu Matteo Renzi einfallen kann, und all das wird noch von jenem Unverständnis überlagert, das schon seit Jahren jede politische Nachricht aus Italien verdunkelt.

Wer ist dieser 39-Jährige, der sich den radikalsten und schnellsten Wandel in der Geschichte der italienischen Demokratie vorgenommen hat? Mal abgesehen davon, dass selbst Italiener diese Frage nur sehr unscharf beantworten könnten: Sie erscheint angesichts der Dramatik dieser Tage eher zweitrangig. Angemessener ist die Frage, wie viel Verzweiflung im Lande herrschen muss, dass ein für italienische Verhältnisse wie ein Teenager wirkender Politiker innerhalb von wenigen Monaten erst seine Partei umkrempeln kann und sich dann das ganze Land vornimmt.

Man muss sich die Kühnheit seines Unterfangens einmal vor Augen führen: Da kippt dieser Matteo Renzi erst seinen Parteifreund Enrico Letta aus dem Amt, der mit viel gutem Willen und einigem Geschick einem schwammigen Wählerauftrag gerecht zu werden versuchte und sich dabei gerade im Ausland viel Vertrauen aufgebaut hatte. Das geschah Ende vergangener Woche.

Was Renzi mit Berlusconi verbindet – und was die beiden trennt

Am Montag bekam Renzi dann den Regierungsauftrag durch den Staatspräsidenten, obwohl eine stabile Mehrheit noch nicht in Sicht ist. Doch Matteo Renzi will nun innerhalb von "ein paar Tagen" ein Kabinett vorstellen, und dann soll es Schlag auf Schlag gehen: Noch im Februar die Wahlrechtsreform, im März die Arbeitsmarktreform, im April die Verwaltungsreform, und im Mai soll das Steuersystem dran sein. Jeder, der Italien auch nur aus der Ferne kennt und weiß, wie viele Jahrzehnte schon an jedem einzelnen dieser Probleme herumgedoktert wird, traut seinen Ohren nicht. Und nach aller Erfahrung und Wahrscheinlichkeit kann das auch kein normales Land stemmen.

Aber Italien ist kein normales Land. Und auch wenn das Vorhaben tatsächlich nur eine sehr geringe Chance auf Erfolg hat, so muss man nach zwanzig Jahren Politik im Banne Berlusconis festhalten: Italien ist wirtschaftlich, politisch und kulturell dermaßen verrottet, der Verdruss der Wähler so unberechenbar groß, dass selbst die kleinste Chance wie eine Verheißung wirkt. Das ist wohl der Grund, warum die meisten Italiener Renzi in diesen Wochen zustimmen. Er hat vielleicht wirklich keine Chance, aber die muss er unbedingt nutzen.

Wegen seines Charismas, seiner Vollmundigkeit und seiner Brutalität wird Renzi immer wieder mit Berlusconi verglichen. Charisma haben sie beide, das stimmt, es wirkt leider sowohl im Guten wie im Schlechten. Aber Renzi ist nicht in die Politik eingestiegen, um wie Berlusconi ein Wirtschaftsimperium zu retten. Und Berlusconi hat zwar systematisch auch noch die letzten Überreste von Gemeinsinn zerstört, aber die politischen Grundübel im Grunde nie ernsthaft bekämpft. Renzi ist dagegen ein echter Systemveränderer. Berühmt geworden ist er durch sein Diktum, man müsse die alte Politikerkaste in Italien "verschrotten". Er hätte auch das Wort vom Generationenwechsel wählen können, den er anstrebe. Aber das sagen sie in Italien alle. Seine Kampfansage würde in jedem anderen Land als antidemokratische Bedrohung wahrgenommen werden, doch Italiens Unfähigkeit zur Veränderung und die Selbstbezogenheit des Systems erfordern auch eine andere politische Rhetorik. Verglichen mit den populistischen Tönen aus der separatistischen Lega Nord oder der Fünf-Sterne-Bewegung des Komikers Beppe Grillo, schlägt Matteo Renzi immer noch zivile Töne an.