DIE ZEIT: Pater Zollner, der Vatikan hat eine Kommission gegründet, die sexuellen Missbrauch von Kindern verhindern soll. Ist das eine Reaktion auf die jüngste Rüge des UN-Kinderrechtsausschusses, die katholische Kirche habe den Ruf der Institution systematisch über das Wohl von Kindern gestellt und verletzte trotz entsprechender Zusagen die Kinderrechtskonvention?

Hans Zollner: Nein. Das neue Gremium hatten die acht Kardinäle, die den Papst beraten, ihm bereits im Herbst vorgeschlagen. Und Franziskus hat zugestimmt. Die Kommission soll dem Schutz von Kindern und Jugendlichen dienen und unter anderem Modelle pastoraler Hilfe für Missbrauchsopfer entwickeln. Angeregt und vorgestellt hat das Kardinal Sean O’Malley, der als Erzbischof von Boston lange Erfahrung mit diesem Thema hat. Die Kommission kann aber nicht alle Erwartungen der UN an den Vatikan erfüllen, zum Beispiel die Missbrauchsfälle weltweit aufzuarbeiten. Das müssen die Bischofskonferenzen und Ordensprovinzen in den jeweiligen Ländern selber tun, am besten mithilfe unabhängiger Experten.

ZEIT: Fanden Sie die Kritik der UN zutreffend?

Zollner: Ja und nein. Ja, weil wir noch klarer aufarbeiten und offener kommunizieren müssen. Nachbesserungsbedarf gibt es bei der Transparenz der innerkirchlichen Gerichtsverfahren, bei der Ausstattung der Gerichte und vor allem bei der Hilfe für die Opfer. Nein, weil die Vorstellung der Vereinten Nationen falsch ist, der Vatikan sei eine Superregierung, die die Katholiken aller Länder in allen Bereichen kontrolliert.

ZEIT: Die Regeln aus Rom gelten doch für die Gesamtheit der Katholiken.

Zollner: Ja, aber jedes Land hat seine eigenen Gesetze. Es gab innerhalb der Kirche Vertuschung, Verleugnung, Täterschutz. Aber die Kirchenleitung hat diese Fehler selbst benannt, und die UN räumen das auch ein, aber unterschlagen, dass Papst Benedikt 2010 alle Bischöfe dazu verpflichtete, den Gesetzen ihrer Länder zu folgen. Und seit 2001 gibt es die Verpflichtung, begründete Verdachtsfälle nach einer Voruntersuchung in den Ortskirchen an die Glaubenskongregation zur Weiterverfolgung zu melden. Aber die UN-Forderungen gehen zum Teil an der Realität des Vatikans vorbei. Dass wir jetzt beispielsweise sämtliche Ausgaben der Kirche für Erziehung beziffern sollen, ist völlig unmöglich, denn wir haben über 200.000 Schulen weltweit, die aus unterschiedlichsten Quellen finanziert werden. Wer soll das zählen?

ZEIT: Sie selbst haben vor vier Jahren in Deutschland ein Centre for Child Protection gegründet und gehören zu den Initiatoren der Vatikan-Kommission. Kann man Missbrauch wirklich verhindern?

Zollner: Völlig verhindern kann man Missbrauch nicht, aber alles daran setzen, ihn soweit als möglich zu reduzieren. Wir können die Kirchenmitarbeiter sensibilisieren, Missbrauch zu erkennen und zu unterbrechen. Franziskus hat die Glaubenskongregation kürzlich noch einmal aufgefordert, sich für den Schutz der Kinder einzusetzen.

ZEIT: Früher ging Institutionenschutz vor Opferschutz. So kam es zur strukturellen Vertuschung von Missbrauch.

Zollner: Heute ist die offizielle Position der Kirche, Gewalttaten nicht nur kirchenintern zu ahnden, sondern sich ohne Wenn und Aber an das Recht des jeweiligen Staates zu halten.