Zehntausende haben eine Onlinepetition gegen die Schließung der Leipziger Theaterwissenschaft unterzeichnet; darunter Silly-Sängerin Anna Loos, die Autorin Charlotte Roche, der Regisseur Volker Lösch – oder auch Armin Petras, langjähriger Chef des Berliner Maxim-Gorki-Theaters und neuer Intendant des Schauspiels Stuttgart. Hier erklärt Petras, einer der wichtigsten deutschen Theatermacher, warum er das Aus des Instituts für einen gravierenden Fehler hält

Seit einiger Zeit im Südwesten Deutschlands heimisch, erreichen mich aus dem Osten unseres Landes via Medien fast täglich Nachrichten über Spar-, Reduzierungs- und sogar Schließungspläne, die vor allem auf den kulturellen Sektor dieses Landstrichs zielen. Mich machen diese Planspiele und Abwicklungsszenarien wütend, gerade aus meiner neuen Erfahrung in Stuttgart heraus, wo Wirtschaft und Kultur als Kapital einer Stadt, einer Landschaft, einer Region wahrgenommen und zusammen gedacht werden.

Denn solchen Spar-Überlegungen mangelt es nicht nur an Rücksicht, sondern vor allem an Weitsicht.

Das Leipziger Institut für Theaterwissenschaft ist nicht nur das einzige seiner Art im Osten, sondern zuvörderst eines, das Theater, seine Geschichte und Erforschung nie allein als Medium zum Transport literarischer Texte betrachtet, sondern immer auch als kommunikatives System innerhalb von Kulturen erforscht (wozu mehr als sprachlicher Ausdruck gehört) und damit die heutige Generation von Theatermachern entscheidend beeinflusst hat.

Man zerstört ein Fach, das Gegenwart aus der Geschichte begreifen will

Wenn ein solches Institut zur Disposition steht, was bleibt dann verschont von der falschen Logik der Regierung Rotstift? Vermutlich nicht die Klassische Archäologie an der Universität Leipzig – auch dies eine Wissenschaft, die uns mit der Idee konfrontiert, Gegenwart nur aus der Geschichte heraus begreifen zu können.

Als verzichtbar eingestuft wird auch Wertvolles im benachbarten Sachsen-Anhalt, wo das Theater Dessau ganze Sparten kaputtsparen soll, wo die Kulturlandschaft der Zukunft wohl eher an den architektonischen und gärtnerischen Hinterlassenschaften eines (zugegebenermaßen humanistisch gesinnten) feudalen Fürsten gemessen werden muss als an täglicher Auseinandersetzung mit der Gegenwart im eigenen Schauspiel.

Ich frage mich, wie viel kulturelles Kapital noch durch finanzielle "Sachzwänge" zerstört wird, unwiederbringlich, bis sich unter den Verantwortlichen die Einsicht durchsetzt, dass Kultur eben Kapital ist. Ein unveräußerlicher Wert eines jeden Landes in jeder seiner Regionen; nicht nur nach Kosten zu berechnen; weil dennoch zins- und vor allem zukunftsträchtig.

Schließen Sie kein Theater, keinen Jugendclub! Das wünschte ich mir

Bei der Verleihung des Lessing-Preises des Freistaates Sachsen vor einigen Jahren verband ich meinen Dank für diese Ehrung mit der Bitte, "für die kommenden Generationen etwas von dem Reichtum Ihres Landes zu bewahren; schließen Sie kein Theater, keinen Jugendclub, keinen Tanzverein, verstehen Sie die kulturellen Einrichtungen, die Bühnen als Grundnahrungsmittel und nicht als Sonntagskuchen Ihrer Kommunen. Wenn Sie zurückgehen in Ihr Büro, in Ihre Praxis, ins Krankenhaus und in die Schule, benutzen Sie die Bücher, Stücke und Gesänge als Werkzeug, als Besteck, um von Ihrem möglichen Leben mehr zu bekommen. Verführen Sie sich selbst in und von unserer wuchernden Welt, und lassen Sie sich von ihr verführen, denn, wie Gotthold Ephraim Lessing schrieb: 'Verführung ist die wahre Gewalt.'"

Dem habe ich auch heute nichts Wesentliches hinzuzufügen.