Rechnet man Aufmerksamkeit gleich Erfolg, müsste Martin Schulz eigentlich zufrieden sein in diesen Tagen. Seine Reise nach Israel hat Schlagzeilen gemacht. In Brüssel organisiert er den Widerstand des Europaparlaments gegen das geplante Gesetz zur Bankenabwicklung. In Rom ist gerade ein Buch von ihm in italienischer Übersetzung erschienen.

Am vergangenen Samstag debattiert er im Aachener Rathaus, nahe seiner Heimatstadt Würselen, mit dem Historiker Christopher Clark, der das herausragende Buch zum Weltkriegsgedenkjahr geschrieben hat (Die Schlafwandler). Es geht um die Erinnerung an 1914, um europäische Werte, um Geschichte und Gegenwart des Kontinents. Fast tausend Menschen drängen sich im historischen Krönungssaal. So viel Zulauf schaffen nicht viele Politiker. Ein Mann meldet sich zu Wort: Schulz möge sich von den "Knesset-Beschimpfungen" nicht irritieren lassen. Da wird Schulz misstrauisch. Der 58-Jährige steht vor den entscheidenden Wochen seiner politischen Karriere. Zuspruch ist gut, aber er will keinen Applaus dafür, dass er in Israel einen kleinen Tumult ausgelöst hat.

In wenigen Tagen werden die europäischen Sozialdemokraten Martin Schulz auf einem Parteitag in Rom zu ihrem Spitzenkandidaten für die Europawahl küren. Im April beginnt der Wahlkampf, Ende Mai wird abgestimmt. Danach könnte Schulz vom Präsidenten des Europäischen Parlaments zum Chef der Europäischen Kommission aufsteigen. Wenn sein Plan funktioniert, wenn er selbst wachsam bleibt und keinen Fehler macht.

Er will als Deutscher solidarisch mit Israel sein – und als Europäer kritisch

Martin Schulz hat sich vorgenommen, ein politischer Parlamentspräsident zu sein. Er will keine belanglosen Grußworte halten, sondern auffallen, auch anecken. Aber nicht in Israel, wo hinter jedem unbedachten Wort ein politischer Abgrund lauert. Er hat dort als Präsident des Europäischen Parlaments gesprochen, auf Deutsch, in seiner Muttersprache. So hatte es ihm der Präsident der Knesset vorgeschlagen. Schulz hatte lange darüber nachgedacht, wie er beiden Anforderungen gerecht werden könne: als Deutscher die uneingeschränkte Solidarität mit Israel zu demonstrieren und zugleich die Kritik, die das Europäische Parlament an der israelischen Siedlungspolitik übt, vorzutragen. Und dann, als er am Rednerpult stand, tat er das, was er gerne tut: Er wich vom Manuskript ab und erzählte von einer persönlichen Begegnung.

"Dazu kann ich Ihnen eine Story erzählen!" Das ist eine der Wendungen, die in Schulz’ Reden wiederkehren. In der Knesset handelte die Story von einem palästinensischen Jungen, der ihn gefragt hatte: "Wie kann es sein, dass Israelis 70 Liter Wasser am Tag benutzen dürfen und Palästinenser nur 17?" Schulz gab diese Frage weiter, ohne die Zahlen zu prüfen. Mehrere Abgeordnete verließen daraufhin den Saal. Schnell war von einem Eklat die Rede. Die Zahlen, die er zum Wasserverbrauch genannt hatte, stimmten nicht. Doch das Missverhältnis, von dem Schulz reden wollte, besteht: Es gibt verschiedene offizielle Statistiken, die alle darauf hinauslaufen, dass Israelis etwa doppelt so viel Wasser wie Palästinenser zur Verfügung haben.

Die Sache ist für Martin Schulz noch einmal gut gegangen. Die Abgeordneten, die aus dem Saal stürmten, tun das öfter; sie sind Mitglieder der radikalen Partei der Siedler. Die meisten Berichterstatter haben Schulz hingegen verteidigt. In der liberalen Zeitung Ha’aretz bedankte sich ein Kommentator bei ihm sogar für die offenen Worte. Doch seinen Kritikern in Brüssel hatte Schulz unfreiwillig eine Vorlage geliefert.