Aus der Tiefsee geborgene Manganknollen © Caroline Seidel/ dpa

Von Mexiko nach Deutschland ist es gar nicht weit. In Richtung Westen nur etwa 1.500 Kilometer hinaus auf den Pazifik. Mit einem flotten Schiff dauert das von Acapulco aus ungefähr zwei Tage bis zu dem Stück Deutschland, das in 4.000 Meter Tiefe am Meeresgrund liegt und so groß wie Bayern ist. Der Tiefseeboden ist hier flach wie das Alpenvorland, eine dunkle, schlammige Ebene. Die Deutschen sind nicht allein. Ein paar Schiffsstunden nordwestlich liegt Belgien, in direkter Nachbarschaft zu Südkorea. Noch etwas weiter folgen Frankreich und Russland – eine Kartografie wie aus der Kolonialzeit.

17 Staaten haben inzwischen Anspruchgebiete ("Claims") am Grunde des Pazifiks abgesteckt, denn hier ruhen Erze in großer Menge: Auf einer Fläche von der Größe Europas ist der Meeresboden mit Manganknollen übersät, dunklen metallreichen Mineralienklumpen, die ein wenig an Pferdeäpfel erinnern. Clarion-Clipperton-Zone (kurz CCZ) heißt das Meeresgebiet zwischen Mexiko und Hawaii, in dem die Manganknollen mancherorts so dicht liegen wie die Pflastersteine einer alten Dorfstraße.

Wissenschaftler kennen diese Knollen seit Jahrzehnten. Etliche Male haben sie die Klumpen mit Bodengreifern an Bord ihrer Forschungsschiffe gehievt, ihren Metallgehalt gemessen und daraus auf die Rohstoffmengen geschlossen. Die Knollen enthalten vor allem Mangan, aber auch Eisen, Nickel, Kupfer, Titan und Kobalt, jede Menge Rohstoffe für die Industrie. Geologen schätzen die Vorräte alleine in der CCZ auf 21 Milliarden Tonnen. Weltweit enthalten Manganknollen mehr Mangan als die Landlagerstätten, vermuten sie. Aufgeschreckt durch die Ölkrise 1973 und die Erkenntnis, dass Rohstoffe endlich sind, hatten sich Industrieunternehmen schon Ende der 1970er Jahre zur Knollenernte aufgemacht. 1978 schickte ein internationales Konsortium erstmals ein Schiff mit einem Erntemaschinen-Prototyp in den Pazifik, einer Art Kartoffelroder. Für ein paar Stunden klaubte der Apparat Knollen aus dem Sediment. Über einen dicken Schlauch pumpten die Techniker die Klumpen empor. Als die ersten Knollen auf das Deck polterten, knallten die Korken. Konkurrenzfähig wurde die Maschine aber nie.

China hat ein Monopol bei Seltenen Erden

Seit wenigen Jahren ist der Meeresbergbau nun wieder ein heißes Thema. Angesichts stark gestiegener Metallpreise und der wachsenden Rohstoffnachfrage in den Schwellenländern, vor allem in China und Indien, schauen sich die Industrienationen nach alternativen Quellen um. Außerdem wollen sich Länder wie Deutschland, die kaum über eigene Ressourcen verfügen, von den Fördernationen unabhängig machen.

"Vor allem China hat derzeit bei vielen Rohstoffen quasi eine Monopolstellung", sagt der Geologe James Hein vom U. S. Geological Survey: Seltene-Erden-Metalle etwa, die man für Magnetresonanztomografen, für Generatoren von Windanlagen oder für Leuchtdioden benötigt, stammen zu 97 Prozent aus China. Beim Germanium, das für die Funktechnik in Smartphones oder für Solarzellen wichtig ist, sind es 71 Prozent. Kobalt wiederum stammt zum großen Teil aus den Bürgerkriegsgebieten im Osten der Demokratischen Republik Kongo. Im Auftrag der EU haben Forscher kürzlich für ein gutes Dutzend wichtiger Metalle eine hohe "Rohstoffkritikalität" errechnet. Klartext: Hier könnte es eng werden.

Aufwendiger, aber sehr viel sicherer erscheint da vielen Nationen der eigene Tiefsee-Claim. Dabei haben Staaten und Bergbauunternehmen neben den Manganknollen noch zwei weitere Rohstoffquellen anderer Zusammensetzung im Visier: erstens die Massivsulfide, metallhaltige Schwefelverbindungen, die sich an heißen, magmatischen Quellen ablagern. Und zweitens Kobaltkrusten, feste metallhaltige Beläge, die sich auf den Hängen von Unterwasser-Vulkanen bilden. Sie sind wegen ihrer hohen Gold- und Silbergehalte begehrt.

Tatsächlich weiß aber noch niemand, wann es mit diesem Meeresbergbau losgeht. In den vergangenen Jahren hatten Konzerne mehrfach den Produktionsstart angekündigt – und ihn immer wieder aufgeschoben, weil Geldgeber absprangen oder Vertragspartner uneins waren. Manche Experten sagen, es fehle an tiefseetauglicher Technik. Doch da hat sich gerade in den letzten drei Jahren eine Menge getan.

In Großbritannien hat der Rüstungskonzern Lockheed Martin eine Tochtergesellschaft für Meeresbergbau gegründet. Die UK Seabed Resources soll alte Pläne für eine Mangan-Erntemaschine aus den 1970er Jahren in den kommenden zwei Jahren in einen Prototyp umsetzen. Südkorea ist schon weiter. Das staatliche Institut für Meereswissenschaften und Technologie hat bereits den zweiten Prototyp gebaut, den Mine-Ro II, ein Stahlgestell mit Kettenantrieb von der Größe eines Lieferwagens. Im Sommer 2013 rumpelte es in 1.300 Meter Tiefe über den Meersboden vor der koreanischen Halbinsel. 2015 soll Mine-Ro II probeweise ein größeres Meeresgebiet abernten.