In den Träumen von Nils Winkler gibt es keine Portemonnaies mehr. Statt an der Supermarktkasse nach Scheinen, Münzen oder der EC-Karte zu kramen, sagt der Kunde einfach: "Guten Tag." Ein Computer erkennt die Stimme und ordnet sie seinem Kundenprofil zu, die Kasse verbindet sich daraufhin mit dem Smartphone in seiner Tasche. Anschließend wird das Geld für den Einkauf automatisch abgebucht.

Winkler ist Geschäftsführer des Unternehmens Yapital, und er will dieser Wirklichkeit nun zumindest ein bisschen näher kommen. In 1.600 Filialen der Supermarktkette Rewe können Kunden seit Dezember mit dem Smartphone einkaufen. Ein "Guten Tag" reicht dazu noch nicht aus. Wer die notwendige App installiert hat, muss erst eine vierstellige PIN eingeben, dann vom Bildschirm der Kasse einen QR-Code scannen und zuletzt die Zahlungsdetails bestätigen. Außer bei Rewe kann man die Technik auch beim Schuhhändler Görtz ausprobieren oder bei Sportscheck, das wie Yapital zum Reich des Versandhändlers Otto gehört.

Das Smartphone, der ständige Begleiter von Millionen Menschen, könnte sich so für viele zur Brieftasche wandeln. Die Kunden würden vor allem Zeit sparen, die Händler Geld; an der Kasse ginge es schneller voran, und die Bargeldbestände würden sinken. Zudem könnten die Märkte so viel über ihre Kunden und deren Einkaufsverhalten erfahren, sie mit gezielter Werbung anlocken und zu teureren Einkäufen bewegen, so die Hoffnung. Die Kunden bekommen oft Rabatte, aber sie zahlen mit ihren Daten. Nicht alle sind davon begeistert.

Seit ein paar Monaten experimentiert auch Rewes großer Konkurrent Edeka in Berlin und Hamburg mit dem Bezahlen per Handy. In den 4000 Filialen der Discountermarke Netto, die zu Edeka gehört, kann seit Mai das Handy gezückt werden. "Es sieht aus, als würde sich das mobile Bezahlen im Einzelhandel langsam durchsetzen", sagt Horst Rüter vom EHI Retail Institute. Rund 80 Prozent aller Händler gehen davon aus, dass sich Läden und Kaufhäuser in drei Jahren flächendeckend am mobilen Bezahlen versuchen werden, ergab eine Studie des Instituts.

Noch aber fehlt eine standardisierte Handysoftware, die in jeder Einzelhandelskette funktioniert. "Die Kunden haben keine Lust, für jeden Laden extra eine eigene App herunterzuladen", sagt Rüdiger Stumpf, Experte für mobiles Bezahlen bei der Zeitschrift Finanztest.

Bislang aber können sich Handel, Mobilfunkanbieter und Banken nicht auf eine Strategie einigen. So verwenden Rewe und Edeka unterschiedliche Programme mit jeweils anderer Technik. Die Telekom will im kommenden Jahr ein Konkurrenzprodukt etablieren. Auch die Deutsche Bahn und verschiedene Banken haben ihre eigenen Bezahlprogramme eingeführt.

Hinter den vielen Alleingängen steckt auch ein Kampf um die Hoheit über die Daten. Der Kunde verrät ja bei jedem Einkauf etwas über sich: welchen spanischen Wein er gerne trinkt, wie oft er pro Woche im Supermarkt ist, welche neue Konfitüre er probiert hat.

Welchen Wert diese Daten für Händler haben können, zeigt ein Beispiel, über das die New York Times berichtete. Ein Vater hatte sich bei der US-Supermarktkette Target beschwert: Seine Tochter, die auf die Highschool gehe, bekomme neuerdings Werbung für Kleinkindbekleidung und Produkte für Schwangere. Der Supermarkt hatte zuvor die jüngsten Einkäufe der Tochter (Körper-Lotionen und Nahrungsergänzungsmittel) ausgewertet und war zu dem Schluss gekommen: Die Kundin muss schwanger sein. Damit war Target besser über seine Kundin informiert als ihr eigener Vater – denn der wusste zu dem Zeitpunkt noch gar nicht, dass seine Tochter tatsächlich ein Kind erwartete.