Russlands Präsident Wladimir Putin in Sotschi © Alexander Nemenov/AFP/GettyImages

Was mir bei den Olympischen Spielen in Sotschi bisher am besten gefallen hat? Das waren die fröhlichen, gesunden Gesichter der Sportler aus aller Herren Länder, wie sie bei der Eröffnungsfeier – eine Mannschaft nach der anderen – locker und ungezwungen, fotografierend und in die Runde schauend, ins Stadion einliefen. Eine Parade sportlicher Unschuld! Unterschiedlich ausstaffiert, manche mit Mützen auf dem Kopf, manche in Shorts. Natürlich waren einige Teams "politisiert" und nahmen die Begrüßung ihrer Regierungschefs entgegen, die mit Händen und Fahnen von der Tribüne der Offiziellen herabwinkten. Genau solche Führer waren ja angereist, aus den Ländern der ehemaligen UdSSR und aus China, andere, solche aus der "freien Welt", glänzten nicht zufällig durch Abwesenheit. Doch die allgemeine Stimmung verströmte genau das – ein Gefühl von Freiheit. Eine fantastische Vitalität der Sportler, unter ihnen viele schöne junge Frauen. Sie verhießen der Menschheit anscheinend eine frohe Zukunft voller Spiele, Frieden und Sex.

Die Olympischen Spiele von Sotschi werden vielen in Russland jedoch nicht durch diesen Einzug ins Stadion, durch Siege und Niederlagen, sondern durch die kontroversen Beurteilungen innerhalb der russischen Gesellschaft in Erinnerung bleiben. Die Schärfe des Konflikts hat damit zu tun, in welcher Zeit diese Spiele stattfinden. Zum Vergleich: 1929 war in der UdSSR das Jahr des Großen Umbruchs; unser Land verwandelte sich damals aus einem halb kapitalistischen Staat mit Neuer Ökonomischer Politik (NÖP) in die Stalinsche Hölle. Und heute sind wir Zeugen eines erneuten Umbruchs, da sich Russland, das noch europäische Illusionen hat, von Europa abwendet – und hin zu einer autoritären eurasischen Isolation imperialen Typs.

Putin und seine Umgebung haben etwas sehr Einfaches begriffen: Wenn die russische Opposition davon träumt, in Russland einen europäischen Staat zu erschaffen, und Europa mit ihr wie auch mit dem ukrainischen Euromaidan sympathisiert, dann ist Europa nicht unser Freund, sondern unser Gegner. Und so fallen die Winterspiele unbemerkt mit dem Beginn eines neuen Kalten Krieges zusammen. Noch stehen wir ganz am Anfang, es gibt verschiedene doppeldeutige Verhandlungen, aber wir sind heute bereits ein anderes Land – und das nicht zu sehen wäre gefährlich kurzsichtig.

Ein Land, eine Mannschaft! So behauptet es zumindest die offizielle Propaganda. Dieses neue Land hat ein ganzes System der Propaganda der eigenen Größe in Gang gesetzt, wozu auch das Gebot von Gesinnungsgleichheit und das Verbot jeglicher Kritik an seiner Geschichte gehören. Allerdings ist im Unterschied zu vergangenen Imperien und sogar zur Sowjetunion dem heutigen russischen Protoimperium nicht Überheblichkeit, sondern Empfindlichkeit zu eigen, was wiederum charakteristisch für instabile Regime ist.

In der Beurteilung der Olympischen Spiele ist die russische Bevölkerung in drei ungleiche Gruppen gespalten. Die erste Gruppe, Stützpfeiler des Putinschen Regimes, eine Volksmasse von vielen Millionen Menschen, saß in vielen Städten des Landes vor dem Fernseher und war begeistert vom magischen Schauspiel unter dem Titel "Träume von Russland", das zur Eröffnung der Spiele pathetisch die Geburt des besten Landes der Welt verkündete, in welchem immer alles gut war.

Von allen Sportarten mögen diese Leute Eiskunstlauf am meisten

In Russland waren die Märchen aus heidnischen Zeiten schön, und Peter der Große, unser Petersburger Imperator, die russische Kultur und die Sowjetzeit waren großartig. Der Oberputinfernsehkanal Rossija verkündete während der Geschichtsshow auf sowjetisch salbungsvolle Art durch den Mund seiner Sprecher dem ganzen Land, wir hätten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine Zeit der Ruhe und Sorglosigkeit genossen. Ich habe zu dieser Zeit gelebt. In unserem Land gab es weder Freiheit noch Wurst. Und was gab es? Den Einmarsch in die Tschechoslowakei, den Krieg in Afghanistan, den Regimekritiker Sacharow in der Verbannung – das waren unsere Ruhe und unsere Sorglosigkeit. Außerdem betonten die Sprecher immer wieder, auf den Tribünen säßen lauter Regierungschefs aus der ganzen Welt. Stimmt, Lukaschenko aus Weißrussland und Janukowitsch aus der Ukraine, die waren da. Auch diese "Übertreibung" wirkte sowjetisch. Plötzlich begriff ich, dass sie vor diesem Sowjetstil nicht nur nicht zurückschreckten, im Gegenteil nahmen sie ihn sich zum Vorbild. Ich war es, der etwas nicht mitbekommen hatte – wir befinden uns in einem neuen Land! Und diesem Land gefällt es, die Fortsetzung der UdSSR zu sein.

Nicht zufällig sehe ich in Putins triumphierender Wählerschaft, die man als Volk bezeichnen darf, die Grundlage des politischen Lebens in Russland. Dieses Publikum der staatlichen Fernsehsender, das stolz auf sein Land ist, weil es die teuersten olympischen Winterspiele aller Zeiten auf die Beine gestellt hat, kommt voll auf seine Kosten: Von allen möglichen Sportarten mögen diese Leute Eiskunstlauf am meisten, und gerade hier hat Russland verdientermaßen Gold und Silber gewonnen. Passt ja alles.