Sie ist ein Running Gag, wenn sich über die deutsche Gegenwartsliteratur lustig gemacht wird: die Kiste auf dem Dachboden, in der der Enkel Fotos entdeckt, die den Großvater in SS-Uniform zeigen. Die Kiste enthüllt das schreckliche Familiengeheimnis, das jahrzehntelang durch Schweigen gehütet worden ist. Wie viele deutsche Romane haben in den letzten Jahren aus dieser Standardsituation versucht, moralisch-existenzielle Fallhöhe zu gewinnen, um die Leser über die Erfahrungsarmut ihres Erzählens zu täuschen. Wenn einem Autor gar nichts mehr einfiel, dann fiel ihm sein Naziopa ein. Der Holocaust wurde als Relevanz-Doping bewirtschaftet.

Auch bei Per Leo gibt es diese Kiste. Sie ist in diesem Fall das Bücherregal des Großvaters, in dem der Enkel, Student der Geschichtswissenschaft, die Weltanschauungsliteratur findet, an die sein Großvater geglaubt haben muss. Aber was Per Leo in seinem Debüt Flut und Boden aus dieser Standardsituation macht, das ist klug, temperamentvoll und vor allem: erkenntnisstiftend. Auch im Jahr 2014 kann man noch einmal einen neuen Blick auf den ganzen deutschen Vergangenheitsbewältigungskomplex werfen. Dass darin so vieles zum Ritual und Klischee geronnen ist, heißt eben nicht, dass unter dieser Zeremonialkruste nicht noch immer ein heißer Kern zu entdecken wäre. Und natürlich weiß ein so umsichtiger Beobachter wie Per Leo um den Topos der Dachbodenkiste, weshalb sein Buch nicht nur von seinem Großvater Friedrich Leo, Abteilungsleiter im Rasse- und Siedlungshauptamt der SS, handelt, sondern zugleich von den geschichtspolitischen Routinen unserer Gegenwart.

Flut und Boden trägt den Untertitel Roman einer Familie, aber romanhaft ist daran allenfalls der große erzählerische Atem, mit dem der Autor seine Figuren entwickelt. Tatsächlich ist das Buch ein weit ausholender autobiografischer Essay, ein Genre, das sich Per Leo, Jahrgang 1972 und promovierter Historiker, mit sicherer Hand für seine individuellen Bedürfnisse nutzbar macht. Wie Leo seine Quellen zum Sprechen bringt, ist aufregender, als es die Fiktion sein könnte.

Zwei Szenen aus der Gegenwart rahmen dieses Buch. Die eine ist eine typische Krisensituation im Studentenleben: Der Erzähler fühlt sich leer und antriebslos, das Studium erscheint ihm sinnlos, schließlich erleidet er einen Nervenzusammenbruch. Er wendet sich an den psychosozialen Notdienst des Studentenwerks Freiburg. Die Frau dort nimmt ihn nicht ernst, hält ihn für ein verwöhntes Bürgersöhnchen, dem etwas körperliche Arbeit ganz guttun würde. Ihr Interesse an seinem Fall ist schon fast erstorben, als der Student Per murmelt, dass er seit einiger Zeit die Vergangenheit seines Großvaters, der vor zwei Jahren, 1993, gestorben sei, erforsche. Plötzlich ist die Therapeutin hellhörig, fast in Ekstase. Ja, unter einem Nazi-Opa zu leiden, das scheint ein allgemein anerkanntes Krankheitsbild zu sein, das sich sehen lassen kann. "So war ich zum Nazi-Enkel geworden", schreibt Leo im Rückblick, als wäre dies eine Erbschaft, die ganz neue Möglichkeiten erschließt. "Mein Großvater war ein lupenreiner Nazi gewesen ... Niemand hätte sich wohl angezogen gefühlt, wenn ich als Enkel Himmlers oder Mengeles dahergekommen wäre. Aber die wohlverpackte Mischung aus alter Familie und blondem Offizier schien ohne Umweg über die Hirnrinde eine kräftige Leitbahn des vegetativen Nervensystems zu elektrisieren. Sie löste erregte Augenaufschläge und Backenrötungsprozesse aus, als würde Fest persönlich live aus Speer himself berichten."

Im dem Film Oh Boy gibt es eine geniale Szene, in der Tom Schilling einen befreundeten Schauspieler, Arnd Klawitter, auf einem Filmset besucht. Da wird mal wieder so ein Nazihistorienschinken à la Nico Hofmann gedreht. Es ist ein Kabinettstück, wie Arnd Klawitter in Wehrmachtsuniform seinen Kumpel in der Garderobe empfängt und mit dramatisierender Betroffenheit von seiner Rolle berichtet (ein Nazi, der am Ende ein Judenmädchen rettet ...). Die verstohlene Lust am Schneid der Wehrmachtsuniform, der Billiggrusel der Nazizeit, die moralische Erschütterungssoße des historisch informierten Gegenwartsmenschen und das Schicksal eines mittelmäßigen deutschen Schauspielers, der es sich nicht leisten kann, auf Wehrmachtsrollen zu verzichten – in dieser lakonischen Szene ist der ganze Unsere Mütter unsere Väter-Wahnsinn der deutschen Vergangenheitsindustrie zum Sinnbild verdichtet.

Es ist diese Welt des kommerzialisierten Sündenstolzes, die Per Leo vor Augen hat, aus der sein Buch aber herausführt. Dafür hat er eine zweite Uni-Szene eingebaut, die wie ein Gegengift zum wohligen Nazigrusel wirkt. Da hält der Freiburger Historiker Ulrich Herbert ein Seminar zur "Nationalsozialistischen Vernichtungspolitik während des Zweiten Weltkriegs". "Herbert wusste", schreibt Per Leo, "dass es vor allem die philosophische Dimension des Holocaust war, die uns reizte: dass wir vor allem diskutieren wollten und dazu, neben etwas Füllvokabular, am liebsten nur die Adjektive ›systematisch‹, ›industriell‹, ›staatlich‹ und ›singulär‹ verwendet hätten. Doch gleich in der ersten Sitzung machte er uns klar, dass das mit ihm nicht zu haben war." Statt "kirchentagsmäßige" Memorialgemeinschaft verlangt Herbert Wissen, um den hochkomplexen Prozess der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik zu rekonstruieren.