Alles beginnt mit meinem Vater. 1977 wird bei ihm im Alter von 71 Jahren der hochgradige Verdacht auf ein Prostatakarzinom geäußert – nachdem er eineinhalb Jahre wegen Rückenbeschwerden orthopädisch behandelt worden war. Es stellt sich heraus, dass den Beschwerden keine verschlissene Wirbelsäule zugrunde liegt, sondern vielmehr dieser Tumor, der bereits ausgedehnte Metastasen gebildet hat, auch in die Wirbelsäule hinein.

Es ist zu spät für eine Heilung. Zwei Jahre später stirbt mein Vater nach Operation, Bestrahlung, Chemotherapie und einem lange dauernden Krankenlager, von seiner Familie begleitet.

Als sein Sohn bin ich ein Risikopatient, denn neben dem Alter bildet die familiäre Belastung den Hauptrisikofaktor für Prostatakrebs. Eine Erkenntnis, der ich mich stellen musste, auch wenn man – gerade als Arzt – der Patientenrolle allzu gerne ausweicht. Aber als Arzt weiß ich auch, dass Krankheit und Gesundheit – in weiten Grenzen jedenfalls – von der persönlichen Lebensgestaltung abhängen. Achtsamkeit sich selbst gegenüber und ein besonnener Umgang mit Gefahren und Risiken haben einen großen Einfluss auf Lebensqualität und Lebenszeit.

Wie also sollte ich mit dem nicht unerheblichen Risiko umgehen, selbst an Prostatakrebs zu erkranken?

Zunächst einmal machte ich mir die Fakten klar. Erstens: Man weiß, dass jeder dritte Mann über 60 Jahre ein Prostatakarzinom hat. Zweitens: Die Bestimmung des prostataspezifischen Antigens (PSA), die viele Urologen als Früherkennungsmethode anbieten, ist nicht sicher. Bei drei von vier Männern mit einem erhöhten PSA-Wert wird in einer anschließenden Probenentnahme aus der Prostata kein Krebs gefunden. Drittens: Mehr als die Hälfte der Männer, bei denen ein Prostatakarzinom diagnostiziert wird, stirbt nicht an ihm, sondern mit ihm. Ihr Krebs verläuft langsam und gutartig ("Haustierkrebs") und nicht schnell und aggressiv ("Raubtierkrebs"), sie versterben also an einer anderen Todesursache.

Was folgt daraus, wenn "mann" sich einer Früherkennung unterzieht? Zu den Vorteilen gehört, dass ein Krebs sehr früh erkannt werden kann und somit die Chance auf eine Heilung groß ist. Zudem kann der früh erkannte Tumor so klein sein, dass eine schonende Operation möglich ist. Doch nicht immer muss dieser Tumor überhaupt behandelt werden. Manchmal reicht es, ihn nur zu überwachen.

Sorge um einen Tumor, gegen den man vielleicht nichts machen kann

Zu den Nachteilen zählt, dass Tumoren entdeckt werden, die, weil sie keiner Behandlung bedürfen, ihren Träger belasten: mit einer Krebsdiagnose und den möglichen Folgen einer Operation oder Bestrahlung (Blaseninkontinenz, Impotenz) – Konsequenzen, von denen er ohne Früherkennung nie erfahren hätte. Zudem kann das Testergebnis auf einen Tumor hindeuten, obwohl tatsächlich keiner existiert (es ist dann "falsch-positiv"). Umgekehrt kann beim Test ein Tumor übersehen werden, denn auch ein niedriges oder normales PSA schließt einen Tumor nicht ganz aus (dann ist das Ergebnis "falsch-negativ"). Zuletzt könnte auch ein früh erkannter Tumor in einem schlimmen Fall nicht mehr heilbar sein – und sein Träger würde dann früher mit dem Wissen um eine unabwendbare Erkrankung belastet.

Es ist also nicht ganz einfach. Ich schaue mir Expertenempfehlungen an. Etwa die aktuelle Leitlinie der Deutschen Krebsgesellschaft zur Früherkennung, Diagnose und Therapie des Prostatakarzinoms. Sie empfiehlt Männern, sich über die Möglichkeiten der Früherkennung aufklären zu lassen. Wünscht der Patient eine Untersuchung, soll ihm auch die Bestimmung des PSA angeboten werden.