Im Brachytherapiezentrum Chemnitz wird von einem Team von Urologen, Fach‰rzten f¸r Strahlentherapie und Strahlenphysikern am Dienstag (25.04.2006) ein Patient mit Prostatakrebs behandelt. Die Strahlenphysiker Joachim Zwinscher und Rolf Baumann sowie die Fach‰rztin f¸r Strahlentherapie Susan Weifl (l-r) errechnen am Computer die exakten Koordinaten f¸r den chirurgischen Eingriff. Bei dem Interstitiellen LDR-Brachytherapieverfahren werden dem Patienten winzige radioaktive Metallstifte, so genannte Seeds, direkt in das erkrankte Prostatagewebe appliziert. Durch moderne dreidimensionale Ultraschall-Technik kˆnnen die Seeds pr‰zise durch den Operateur plaziert werden. Der Tumor wird praktisch von innen bestrahlt. Damit wird die Strahlenbelastung minimiert und nur der Tumor wird der radioaktiven Strahlung ausgesetzt. Die Methode eignet sich besonders f¸r Betroffene mit einem Alter von ¸ber 60 Jahren, die an einem Prostatakarzinom im Fr¸hstadium leiden. Foto: Wolfgang Thieme dpa/lsn +++(c) dpa - Bildfunk+++ © Wolfgang Thieme/dpa

Was kann ich noch tun, um Gewissheit zu erlangen? Die Magnetresonanztomografie (MRT) ist zwar kein sicheres bildgebendes Verfahren zum Nachweis eines Prostatakarzinoms. Gleichwohl bietet eine Biopsie, die per MRT kontrolliert wird, das derzeitige Maximum an diagnostischer Sicherheit. Sie ist nur an wenigen Zentren möglich. Professor W., obwohl selbst nicht überzeugt, erkennt meine Nöte und rät mir zu.

Aktive Überwachung – das verlangt Mut

Der neuerliche Eingriff erfolgt während einer eineinhalbstündigen Vollnarkose in der Universitätsklinik H. Er bringt mir – endlich – die lange erwartete diagnostische Klarheit: In zwei von 30 Gewebsproben findet sich Tumorgewebe mittlerer Bösartigkeit. Empfehlung der Klinik: Bestrahlung oder Operation, also Entfernung der Prostata. Ich bin erleichtert.

Professor W. hingegen ist überzeugt, dass ich die Kriterien für einen Patienten erfülle, der sich nicht operieren lassen, sondern einer "aktiven Überwachung" unterziehen sollte – vor allem wenn man den Gesamtverlauf und alle Befunde einbeziehen würde. Er rät mir zu einer DNA-Zytometrie meiner in H. gewonnenen Gewebsproben; eine Untersuchung, die zusätzliche Informationen über den Bösartigkeitsgrad des Tumors erbringt und es so erlaubt, die Dringlichkeit einer Behandlung besser einzuschätzen.

Aber auch dieses Ergebnis, obwohl eher günstig – Malignitätsgrad 2 auf einer Skala von 1 bis 4 –, gestattet aus Sicht des Pathologen keine eindeutige Zuordnung meines Tumors als "insignifikant" oder "signifikant". Professor W. hingegen legt sich fest: "Dieser Krebs bedroht nicht Ihr Leben. Dabei bleibe ich."

Bangen. Zweifel. Albträume. Es muss jetzt etwas geschehen. Zu einer "aktiven Überwachung" kann ich mich nicht entschließen – durchlebe ich sie nicht bereits seit 15 Jahren?

Welche Optionen bleiben mir aber? Da wäre zum einen die sogenannte Intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT), die aber langwierig ist und mit diversen möglichen Nebenwirkungen behaftet. Oder die Protonentherapie: Ihr Nutzen wurde noch nicht nachgewiesen, sie wird heiß und unlauter beworben. Oder doch die sogenannte Brachytherapie? Dabei werden radioaktive Partikel in die Prostata eingepflanzt, und man wird zur wandelnden Strahlenquelle.

Operieren für die Gewissheit

Nein. Nichts davon. Ich lasse mein Gefühl entscheiden: Operation! Das "Ding" muss raus! Wieder durchlebe ich eine zweiwöchige Phase heftiger Angst wegen eines präoperativ erforderlichen Knochenszintigramms, in dem geschaut wird, ob ein möglicher Krebs bereits gestreut hat. Denn hätte ich schon Metastasen, käme eine Operation erst gar nicht infrage. In meinem Unglück wiederum ein kleiner Jubelschrei: Das Szintigramm zeigt keine Metastasen. Im September 2013 lasse ich mir komplikationslos die Prostata entfernen. Der Krebs hatte die Organkapsel noch nicht durchbrochen; damit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Eingriff als "kurativ" zu klassifizieren ist, dass ich geheilt bin.

Mehr denn je ist es heute ein zentrales Anliegen der Medizin, Krankheiten, zumal bösartige Tumoren, frühzeitig zu erkennen, um langfristiger Heilung eine optimale Chance zu geben. Die Früherkennung scheint auf den ersten Blick eine naheliegende und plausible medizinische Vorgehensweise, ja geradezu der Königsweg der Medizin. Bei näherem Hinsehen indes erweist sie sich als Januskopf: Ihrem Nutzen für den Patienten steht ein schwer zu ermessendes Schadenspotenzial zur Seite. Jeder Mann muss letztendlich eine eigene Entscheidung treffen, die auch davon abhängt, mit welchen Unwägbarkeiten er bereit ist zu leben.

Ich wollte wissen. Ich wollte eine Diagnose erzwingen, um jeden Preis. Ich wollte den möglichen, nicht mehr beherrschbaren Auswirkungen der Krankheit unbedingt zuvorkommen. Ob mir dies gelungen ist, bleibt zweifelhaft, denn die Krankheit Krebs kennt – bis heute – kein Plusquamperfekt. Dass sie nicht zurückkehren wird, kann niemand mit Sicherheit sagen.

Würde ich – rückblickend und im Wissen um anderthalb Jahrzehnte durchlebte Ruhelosigkeit und Angst – noch einmal denselben Weg gehen?

Trotz dieser extremen persönlichen Kosten und bei aller Ambivalenz lautet meine Antwort darauf: ja. Denn eine drückende Last ist von mir genommen.