Nun also: Parteiausschluss. Die SPD will sich trennen von ihrem Mitglied Sebastian Edathy, dessen Verhalten sie "fassungslos" macht. Selbst wenn er nichts Strafbares getan habe, so Parteichef Sigmar Gabriel, reiche das aus, was Edathy selbst zugegeben habe, um diesen Schnitt zu machen. Ein Abgeordneter, der sich im Internet Fotos von nackten Kindern bestelle, habe im Bundestag nichts verloren. Und auch nicht in der SPD.

Edathy selbst hält sich in Dänemark auf. Von dort äußert er sich hin und wieder schriftlich und in trotzigem Ton. "Ich finde es rechtsstaatlich bedenklich, einen Bürger aufzufordern, ein legales Verhalten zu rechtfertigen", schreibt er zum Beispiel per SMS an die ZEIT. "Es gibt ein Recht auf Schutz der Privatsphäre, dachte ich jedenfalls", so Edathy eine SMS später. "War wohl ein Irrtum." Es reiche offenkundig, "einen Namen mit diesem Stichwort ohne konkreten Vorwurf in die Öffentlichkeit zu bringen, um fahrlässig eine Existenz zu vernichten". Seine, Edathys Existenz.

Wirklich gut gekannt hat diese Existenz in der SPD keiner, und auch außerhalb kannten sie wohl nur wenige. Edathy hatte sich Ansehen erworben, weil er den parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Mordserie des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU) über zwei Jahre lang mit kalter Brillanz und beherrschter Leidenschaft führte. Der NSU-Ausschuss war ein Triumph des Parlamentarismus und Sebastian Edathys Meisterstück. Mit einer Dringlichkeit, deren Gründe die Öffentlichkeit jetzt erst erahnt, verfolgte er sein Ziel: Er wollte aller Welt zeigen, dass die deutsche Gesellschaft ein schmutziges Geheimnis hat.

Fall Edathy - Die zwei Gesichter des Aufklärers Sebastian Edathy war ein geachteter Innenpolitiker. Jetzt hält er sich in Dänemark auf und kommuniziert nur noch über Kurznachrichten. Mariam Lau von der Hauptstadtredaktion der ZEIT hat Sebastian Edathy porträtiert.

In Edathys Augen war die deutsche Gesellschaft durch und durch vom Rassismus zerfressen. Dass der zornige Aufklärer in Wirklichkeit selbst ein Maskenträger mit Doppelleben war, dass er seinerseits ein Geheimnis mit sich herumschleppte, ahnte keiner. In der Öffentlichkeit riss er Polizeibeamten und Verfassungsschützern immer aufs Neue die Maske vom Gesicht. Edathy lud sie vor und befragte sie auf eine Weise, die Aufsehen, teils auch Bewunderung erregte: akribisch, gnadenlos, mit finsterer Wut oder leisem Spott. "Aha, ich verstehe", sagte er in vermeintlich einfühlsamem Ton, als er einen bayerischen Beamten grillte. "Sie haben also eine Dönerbude eingerichtet in der Hoffnung, die Täter könnten dort eines Tages auftauchen und Ihrem Lockvogel eine Kugel in den Kopf schießen."

Was der NSU-Ausschuss zutage förderte, rechtfertigte Edathys Strenge tausendfach. 13 Jahre lang hatten die Behörden die rechtsradikal motivierte Mordserie an Einwanderern für Organisierte Kriminalität unter Migranten gehalten. Sie hatten die Opfer und deren Angehörige krimineller Taten verdächtigt und dadurch das Leid der Hinterbliebenen noch vervielfacht. Keiner war auf den Gedanken gekommen, die Hypothese zu ändern und gegen Rechtsextreme zu ermitteln. Voll von Misstrauen, hatten Verfassungsschützer und Polizei sich gegenseitig ihre Erkenntnisse vorenthalten. Man hatte Wahrsager beschäftigt, Beamte, als Detektive verkleidet, auf türkische Witwen angesetzt, weil ja "Türken nicht mit der Polizei reden".

Edathys Lieblingsgeschichte, die er nicht müde wurde zu erzählen, war die von der Witwe, die heimlich, während ein solcher "Detektiv" bei ihr saß, die Polizei anrief und zum Wachtmeister sagte: "Hier ist so ein komischer Typ und fragt mich aus. Soll ich mit dem reden?" – "Diese Frau", hatte Edathy in einem seltenen Moment ungeschützter Empörung bei einem Frühstücksgespräch gesagt, "hatte mehr Vertrauen in den Rechtsstaat als Sie!"

Ein Dandy der Inneren Sicherheit

Die Plackerei im Untersuchungsausschuss, die Bewältigung der Aktengebirge, die zahllosen Sitzungen mit den anderen Abgeordneten schlauchten den 44-jährigen Edathy sichtlich. Gleichzeitig genoss er den Zuwachs an Bedeutung. Im Sommer konnte man ihn gelegentlich im hellen Leinenanzug vor dem Paul-Löbe-Haus an der Spree stehen und eine Zigarette rauchen sehen – ein Dandy der Inneren Sicherheit. Ein Trampelpfad führt durch das Baugelände vor dem Haus der Bundespressekonferenz zu Edathys Wohnung. Der ist zwar nicht ganz legal, wird aber geduldet. Sein Jagdhund Felix, der in seinem Appartement auf ihn wartete, muss für ihn eine Art großer Liebe gewesen sein.