Charles Schumann ist ein wenig aufgeregt vor dem Treffen mit dem Mann, den er seit Langem bewundert. Gerade ist er seine Fragen noch einmal durchgegangen, sie stehen auf einem Bündel Papier, das er in die Manteltasche gestopft hat. Wegen dieser Fragen ist er von München nach Norditalien gereist, in die Kleinstadt Bra im Piemont: Ist gesundes Essen nur etwas für Wohlhabende? Wie gut ist die deutsche Küche? Und er hat eine Liste aufgestellt: Brot, Gemüse, Pasta, Fleisch, in dieser Reihenfolge, am Ende versehen mit einem Fragezeichen.

Ein verwinkeltes altes Gebäude, ein ehemaliges Schloss. Darin ein großes Arbeitszimmer – und Carlo Petrini. Ein schmaler, grauhaariger Mann in Managerkleidung: hellblaues Hemd, schwarzes Jackett. Die Begrüßung ist laut und herzlich, Schumann spricht ein wenig Italienisch. Er und Petrini kennen sich seit Jahren, aber der Italiener ist so beschäftigt, dass es noch nie Gelegenheit zu einem ausführlichen Gespräch gab.

In Deutschland ist Schumann bekannt für seine Bar in München, die auch ein Restaurant ist. Schumann kocht dort oft selbst, und zwar betont einfache Küche. Roastbeef. Rindfleischtatar mit Gemüse. Pasta. Hochwertige Zutaten, schlichte Zubereitung, das ist seine Philosophie. Nun wollen er und Petrini mit dem ZEITmagazin über gutes Essen reden. Darüber, was Geschmack eigentlich ist. Es soll auch um Petrinis Lebenswerk gehen, um die Organisation Slow Food, aus der er in den letzten 28 Jahren eine weltweite Bewegung gemacht hat. Sie tritt für gutes, fair gehandeltes Essen ein, das vom Bauern nebenan stammen sollte und nicht aus riesigen Treibhäusern und Fabriken. Wie kein anderer hat Petrini das Bewusstsein für gutes Essen geschärft. Er tritt außerdem als Lobbyist in Brüssel auf. Sein erklärter Gegner ist die Nahrungsmittelindustrie. Er ist ein Rebell – aber als ihn kürzlich der Papst anrief, um sich für ein Slow-Food-Buch zu bedanken, das Petrini ihm geschickt hatte, hat er sich sehr gefreut. Petrinis Büro befindet sich in der Privatuniversität, die er selbst gegründet hat. Sie ist in einer ehemaligen Königsresidenz untergebracht. Schumann setzt sich an den langen Tisch, der den halben Raum einnimmt, und breitet seine Notizen vor sich aus.

Charles Schumann: Carlo, ich möchte mit dir darüber reden, was gutes Essen eigentlich ist. Und mich interessiert auch, wo die Idee für Slow Food herkam.

Carlo Petrini: Wenn man aus dem Piemont ist, hat man das im Blut. Man weiß, was gutes Essen ist, und schätzt guten Wein.

Schumann: Du hast Slow Food in Italien 1986 gegründet, drei Jahre später dann die internationale Organisation. Wie wurde die Bewegung so schnell so groß?

Petrini: Am Anfang ging es uns vor allem darum, das Monopol des Fast Foods zu brechen, das Anliegen verbreitete sich dann von selbst. Wir hatten kein Geld, nur die Idee. Wir bekamen sofort Anrufe aus Deutschland, Spanien und Argentinien. Heute sind wir in 170 Ländern aktiv und haben über 100.000 Mitglieder.

Schumann: Gibt es in jedem Land einen Carlo Petrini, der das alles vorantreibt?

Petrini: Nein. Wir sind ein Netzwerk, sonst nichts. Wir lassen nur Energien frei. Bei uns herrscht eine gewisse Anarchie.

Schumann: Aber du bist doch der Kopf! Du bist immer auf Reisen! Also, Langsamkeit gibt es in deinem Leben wohl eher nicht.

Petrini: Ich wollte eigentlich bald in Pension gehen, schließlich werde ich dieses Jahr 65 Jahre alt. Aber das erwies sich als schwierig. Gerade bin ich aus Brasilien zurückgekommen. Dort haben wir zwei Kochschulen in Favelas eröffnet, wo Kinder lernen sollen, zu kochen, ohne Zutaten zu verschwenden. Leider werden wir oft immer noch als Gourmetverein angesehen.

ZEITmagazin: Wichtiger als gutes Essen scheint Ihnen heute zu sein, dass Sie in Entwicklungsländern helfen.

Petrini: Wir kämpfen jetzt auch in Afrika und in Südamerika für gute, fair gehandelte Produkte, also dort, wo Menschen noch hungern. Für mich war dieses Engagement eine Befreiung. Wir haben 2004 dafür ein eigenes Netzwerk gegründet, Terra Madre. In Afrika haben wir innerhalb eines Jahres 1.000 Gärten für Kleinbauern geschaffen. Jetzt habe ich die Devise ausgegeben: Es müssen 10.000 Gärten werden!