Die deutschen Skispringer Andreas Wank, Marinus Kraus, Andreas Wellinger und Severin Freund (von links) © Antonin Thuillier

Der Tag, an dem sie das achte Gold für Deutschland gewinnen, beginnt für die Skispringer wie immer. Bloß nicht zurückschauen, hat sich Andreas Wellinger vorgenommen, bloß nicht an den Wettkampf auf der Großschanze zwei Tage zuvor denken, bei dem er früh ausgeschieden ist. Nach vorn geht der Blick, aufs Team, auf das noch immer Verlass war, auch wenn in den Einzelsprüngen wenig zusammenlief. Am Mittag spielt Wellinger mit den Kollegen Marinus Kraus, Andreas Wank und Severin Freund noch ein bisschen Fußballtennis, "zum Wachwerden", dann sucht jeder seine Siebensachen zusammen und fährt zur Schanze. Um 23.06 Uhr hebt Severin Freund zum letzten von acht deutschen Sprüngen ab in den flutlichthellen Kessel der Sprunganlage von Russki Gorki. 131 Meter weit geht es, weit genug: Nach einer Gesamtflugstrecke von 1,061 Kilometern liegen die Deutschen 1,5 Meter vor Österreich, dem ewigen Rivalen, dem man zuletzt doch arg hinterherflog. "War schon geil, die endlich geknackt zu haben!", sagt Andreas Wellinger.

Vielleicht ist das ein Erfolgsgeheimnis der Deutschen in Sotschi: dass sie Comeback-Qualitäten besitzen. Auch Severin Freund, vor den Spielen der beste Deutsche, wollte im Kaukasus nicht recht abheben. Als er die Bronzemedaille auf der Großschanze mit dem finalen Sprung noch aus der Hand gibt, muss er wieder überall hören und lesen, dass es um seine Nerven nicht gut bestellt sei. Nun liegt er, den glänzenden Sturzhelm noch auf dem Kopf, ganz unten im Knäuel aus vier sehr dünnen, sehr überschwänglichen Olympiasiegern.

"Gold-Bilanz: sehr gut. Rest: gut", so lautet knapp das Zwischenzeugnis von Innenminister Thomas de Maizière bei seinem Besuch im Deutschen Haus. Der Deutsche Olympische Sportbund hatte die Ziele noch höher gesteckt, "ich will das gar nicht kritisieren", sagt de Maizière, "wir reden hier schließlich von Leistungssport!". Allerdings gleicht die deutsche Mannschaft ein wenig der Jahrmarktsattraktion "Dame ohne Unterleib". Für die angestrebten 27 bis 30 Medaillen braucht es nicht nur Fließbandsieger wie die Rodler (oder den Kombinierer Eric Frenzel, der sieben Weltcupsiegen in dieser Saison trotz Grippe scheinbar mühelos eine Goldmedaille hinzufügt). Sondern auch Stehauffrauen wie Viktoria Rebensburg, die Titelverteidigerin im Riesenslalom, die nach einer Lungenentzündung vor Weihnachten schon chancenlos schien, bei der anstrengenden Wasserskipartie am Rosa Peak dennoch zu Bronze schlittert.

Oder Unbeirrbare wie den Biathleten Erik Lesser, der trotz eines ersten Treffers im 20-Kilometer-Rennen die Nerven hat, das Visier noch einmal zu justieren, weil er sich "in den Arsch gebissen" hätte, wenn etwas schiefgegangen wäre. Nach 19 weiteren gefallenen Scheiben holt er Silber und widmet es dem Opa, Olympiateilnehmer 1976, "der freut sich wie ein Schnitzel".

Unabhängig davon, ob die Deutschen auch am Ende der Spiele die Medaillenwertung anführen – der größte Gewinner von Sotschi steht schon fest: Wladimir Putin. Für den russischen Präsidenten sind die 22. Olympischen Winterspiele Herzenssache und oberste Staatsangelegenheit in einem. In sieben Jahre hat er sie durchgepeitscht, ein Winterwunderland nach seinen Wünschen erschaffen, alle Kritik daran stoisch ertragen. Seit zwei Wochen fährt er die Ernte ein: Selten so schöne Spiele erlebt, besser als jene in Turin und Vancouver. So urteilen die deutschen Sportler, egal, wen man fragt. Inzwischen beweist auch das Klima am Schwarzen Meer, dass es nicht nur Frühsommer, sondern auch Spätherbst kann, mit Nebel und Regen. Womit noch ein böses Gerücht über russische Allmachtsfantasien widerlegt wäre: Wolken werden hier offensichtlich nicht mit Chemiekanonen abgeschossen.